10 Fragen an Oliver Buslau

Ich bin äußerst stolz, an dieser Stelle mein erstes Interview mit einem Autor zu veröffentlichen.
Mein Interviewpartner, Oliver Buslau, ist ein deutscher Krimiautor, der unter anderem durch seine regionalen “Reintal-Krimis” bekannt wurde.
Hier sind 10 Fragen an Oliver Buslau:
- Jörn: 1.Herr Buslau, Ihr Buch “Das Gift der Engel” ist ein Krimi, der im Rheintal spielt. Verraten Sie uns, woran Sie gerade arbeiten?
- Oliver Buslau:Nach dem “Rheintal-Krimi” “Das Gift der Engel widme ich mich wieder mal meiner Bergischen Serie um den Privatdetektiv Remigius Rott. Diese Krimis spielen ja im Bergischen Land, also in der Gegend östlich von Köln. Im Moment “plotte” ich gerade den neuen Fall — das heißt, ich baue die Handlung auf und recherchiere. Im August, also nächsten Monat, werde ich die erste Fassung dann schreiben.
- Jörn: 2.Sie sind dafür bekannt, real existierende Personen in Ihre Bücher einzuarbeiten. Ist es dadurch einfacher, die Figuren dreidimensional wirken zu lassen?
- Oliver Buslau: Teils, teils. Die realen Figuren treten nur als “Helfer” des Ermittlers auf — niemals als Ermittler, als Täter oder Opfer. Das würde mir zu weit gehen. In der Helfer-Rolle machen sie sich sehr gut, denn man kann sie unmittelbar mit ihrer typischen Art, ihren individuellen Vorlieben, Berufen, Hobbys etc. anbringen, und gewöhnlich erstreckt sich die Mitwirkung ja auch nur auf eine einzige Szene. Es wäre sicher schwierig, eine reale Person zum Protagonisten zu machen. Dafür brauche ich schon den Freiraum der Fantasie. Außerdem hat eine dreidimensionale Figur ja auch Macken, Fehler und so weiter, und so was kann ich einer wirklichen Person nicht andichten.
- Jörn: 3.Wie gehen Sie vor, wenn Sie eine Figur nicht von einer Person ableiten, sondern von Grund auf neu entwerfen?
- Oliver Buslau: Entweder ich habe einen Geistesblitz, und dann fällt mir auf einmal ganz viel zu einer Figur ein, und ich haue ihr Porträt aufs Papier, oder ich muss arbeiten. Das ist leider in 99 % der Fälle so, und dann folge ich der Methode des Schreiblehrers James N. Frey: Ich entwickle die äußere Erscheinung, den sozialen und biografischen Hintergrund und die psychologische „Landschaft“ der Figur. Ich mache mir klar, was diese Figur im Leben will, was sie auf keinen Fall will, was sie als Glück oder Unglück empfinden würde. Und dann — ein ganz heißer Tipp von Frey — schreibe ich ein Tagebuch der Figur, ich versetze mich als ganz und gar in diese Person hinein. Irgendwann ist sie mir auf diesem Weg dann ganz vertraut. Die Arbeit mit den Figuren ist übrigens immer das erste, was ich tue. Erst danach kommt der Plot. Und wenn ich dann trotzdem schon Ideen für den Plot habe, müssen sie warten, bis ich die Figuren habe. Wenn mir später in der Handlung Zweifel kommen, was als nächstes passieren soll, kehre ich auch während der späteren Arbeit zu den Figuren zurück. Oft zeigt sich, dass ich immer noch bei der betreffenden Figur ein —Loch— habe, weshalb ich nicht auf ihre Handlung komme.
- Jörn: 4.Sie schreiben Ihre Bücher nach einem festen Zeitplan, wie gelingt es Ihnen, die Disziplin aufzubringen, um diesen einzuhalten?
- Oliver Buslau:Für mich ist es am besten, das in Zahlen festzumachen: täglich soundsoviel Seiten ergibt soundsoviel Seiten wöchentlich, monatlich usw. Das ergibt eine erste Fassung von etwa 300 Seiten in dieser oder jener Zeit, das wiederum ergibt so und so viel Zeit, in der ich die Fassung ruhen lassen kann und dann habe ich noch so viel für die zweite Fassung etc. Salamitaktik ist das Beste. Und natürlich täglich der Tritt in den Hintern: Du schreibst jetzt eine Stunde, und wenn es das letzte ist, was Du tust! Es macht komischerweise immer erst dann Spaß, wenn man angefangen hat. Vorher ist man Weltmeister im Vermeiden. Irgendwann setzt sich diese Erkenntnis als Erfahrung fest, und dann geht es leichter. Ich schreibe lieber an vielen Tagen wenig, als an ganz wenigen Tagen mit Unterbrechungen viel.
- Jörn: 5. “Das Gift der Engel” handelt von einer rätselhaften Partitur, und Sie haben früher selbst komponiert. Bestehen Analogien zwischen der Komposition eines Musikstücks und dem Schreiben eines Buches?
- Oliver Buslau: Absolut. Gerade im Krimi. Da gibt es ja auch an- und abschwellende Spannung, Kontraste, sich langsam einschleichende Themen, die dann irgendwann ganz wichtig werden usw. Krimis werden komponiert, keine Frage. Sie ähneln in vielem sogar der klassischen Form der Fuge.
- Jörn: 6.Für den Privatermittler Remigius Rott, den Protagonisten ihrer “Bergischen Krimi”-Reihe, haben Sie unter www.remigiusrott.de eigens eine Internetseite eingerichtet. Wie wichtig ist Ihnen als Autor das Medium Internet?
- Oliver Buslau: Wie man gerade sieht, sehr wichtig! Ich habe von Anfang an die Möglichkeiten des Internets zu nutzen versucht, so weit es mir möglich ist (leider bin ich nicht gerade der große Programmierer). Man erreicht eine Menge Leute, man kann Interessen bündeln. Ganz wichtig ist zum Beispiel die Mailingliste meiner Leser, die ich regelmäßig über meine Aktivitäten unterrichte. Auch wenn dieses Interview erscheint, werden sie es erfahren.
- Jörn: 7.Vor kurzem nahmen Sie, gemeinsam mit zwei anderen Autoren, an einer virtuellen Lesung im Internet teil. Über das Programm “Second Life” konnten Ihnen viele Leser zuhören, während Sie gemütlich vor ihren Rechnern saßen. Denken Sie, dass sich unsere Auffassung von Literatur ändern wird?
- Oliver Buslau: Die ändert sich eh andauernd. Die Literatur musste schon immer mit anderen Medien konkurrieren — erst mit dem Theater und der Oper, dann auch noch mit dem Kino, schließlich mit Radio und Fernsehen und Internet…Auch wenn viele sagen, das Buch sterbe nicht aus, glaube ich doch, dass wir nicht mehr sehr lange in Büchern lesen werden, sondern in anderen Medien. (Auch das erlebst Du, lieber Leser, der Du gerade am Schirm sitzt, gerade in dieser Sekunde!) Aber das ist gar nicht so wichtig. Das Entscheidende an der Literatur ist ja nicht, dass sie auf Papier gedruckt wird, sondern dass sie aus Buchstaben und Wörtern besteht. Und das hat sich ja nicht geändert und wird sicher auch noch eine Weile erhalten bleiben.
- Jörn: 8.Sie sind Chefredakteur und Mitherausgeber der Zeitschrift “TextArt – Magazin für kreatives Schreiben”. Woher kam die Idee und was möchten Sie Ihren Lesern mit auf den Weg geben?
- Oliver Buslau: Mitte der 90er Jahre hatte ich mich als freier Musikjournalist etabliert, aber ich wollte auch mal was Erzählerisches schreiben — am liebsten einen Krimi, weil mich das Thema “Regionalkrimi” sehr begeisterte. Ich schrieb munter drauflos und begann mich gleichzeitig für das Handwerkliche am Schreiben zu interessieren. Ich las einige Lehrbücher und erhielt von Freunden Zeitschriften aus den USA — zum Beispiel “Writers Digest”. Und da fiel mir auf, dass in Deutschland eine solche Zeitschrift für Kreatives Schreiben fehlte. Ich fand dann zum Glück die richtigen Partner, die mir bei der Verwirklichung meiner Zeitschriftenidee halfen. Mein Geschäftspartner Carsten Dürer, Inhaber des Düsseldorfer Staccato-Verlages und Herausgeber mehrerer Musikzeitschriften, übernahm die Herstellungsseite, das Kaufmännische und Buchhändlerische, ich sorgte und sorge für den Inhalt. Im September 2000 ist die erste Ausgabe erschienen. Wir wollen unseren Leserinnen und Lesern nicht nur die Botschaft mit auf den Weg geben, dass man Schreiben wie andere künstlerische Betätigungen lernen kann, sondern auch wie es geht und wo man das lernen kann. Neben unseren Praxisbeiträgen, Interviews und anderen Berichten ist ja eine wichtige Rubrik unser Seminarteil. Neuerdings bieten wir über ein Internetforum (zu erreichen über www.textartmagazin.de) Schreibinteressierten auch die direkte Möglichkeit des Erfahrungsaustauschs.
- Jörn: 9.Ein junger, offensichtlich talentierter Autor kommt zu Ihnen und bittet Sie um Rat. Was ist die wichtigste Lektion, die Sie über das Schreiben je gelernt haben?
- Oliver Buslau: Es sind mehrere Lektionen: Es zählt nur, was auf dem Papier steht — und das muss am Anfang gar nicht perfekt sein. Was nicht zählt, sind Träume, Visionen von sich selbst als Autor, Ideen zu Geschichten, die nicht aufgeschrieben werden und so weiter. Man lernt nur an Texten, die man beendet. Anfänge schreiben kann jeder, Texte zu Ende zu bringen, ist das Entscheidende, was einen zum Autor macht. Man muss nicht das Rad neu erfinden. Das Schreiben kann sich anders anfühlen, als man immer dachte. Man muss recherchieren (viel mehr, als ich als junger Autor dachte). Die Schreibarbeit besteht gar nicht hauptsächlich aus Schreiben, sondern aus Überarbeiten. Man muss dranbleiben.
- Jörn: 10.Wenn Remigius Rott etwas zu diesem Interview hinzufügen könnte, was würde er sagen?
- Oliver Buslau: Ein Glück, dass du nicht so viel über meinen neuen Fall verraten hast! Da kommen ein paar ziemlich heikle Sachen vor, und wenn die schon verraten werden müssen, reicht es, wenn sie in dem Buch stehen!
Vielen Dank für das Interview, Herr Buslau!
Links
- www.oliverbuslau.de — Die Homepage von Oliver Buslau
- www.remigiusrott.de — Nett gemachte Homepage von Remigius Rott, der Figur des Privatermittlers
- www.textartmagazin.de — Die Homepage von TextArt, einem Magazin zum kreativen Schreiben. Buslau ist Chefredakteur und Mitherausgeber
- “Das Gift der Engel” — Buslaus aktuelles Buch
- Bei Interview Mord — Ein Fall für Remigius Rott
Siehe auch
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