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Nebencharaktere sind die ideale Quelle für Konflikte

Nutzt die Chance, euren Protagonisten Steine in den Weg zu legen!
Illustration: Guido Göbbels

Warum lesen Menschen Bücher?

Weil sie sadistisch veranlagt sind (vereinfacht gesagt). Wie viele Bücher gibt es wohl, die detailliert beschreiben, wie der Protagonist mit einem Lächeln auf den Lippen mit seinen Kindern Ball spielt? Höchstwahrscheinlich (hoffentlich!) gar keins.

Ein guter Autor stellt seine Protagonisten laufend vor Probleme, die er zu lösen hat. Liebesromane wären ziemlich witzlos, wenn sich die anbetungswürdige Dame direkt zu Anfang vor die Füße des Romeos schmeißen würde, und Mimi würde wahrscheinlich ohne Krimi ins Bett gehen, wenn der Mörder sich direkt nach der ersten Seite selbst stellen würde.

Das sind die großen Konflikte, die ein Buch oder eine Geschichte durchziehen. Ich möchte euch hier vorschlagen, viele kleine Konflikte einzubauen, um so eure Geschichte voran zu treiben. Lest euch doch einmal folgenden Dialog durch:

“Guten Morgen, Boss!”
“Guten Morgen, Kiensle. Gut angekommen?”
“Sehr gut sogar. Hatte die Grüne Welle, könnte man sagen!”
“Das freut mich aber für Sie! Fangen Sie gleich mit den Akten des Flehmann-Falls an?”
“Die habe ich doch gestern schon erledigt, Chef. Ich wollte mich heute an die Schmidt-Akten setzen und die neuen Mitarbeiter briefen.”
“Oh, das ist ja ausgezeichnet, wollen Sie vielleicht heute etwas früher nach Hause gehen?”
“Das würde ich sehr gerne, Chef. Dann kann ich endlich mehr Zeit mit meinen Kindern verbringen.”
“Ach, die lieben Kleinen!”

Und so weiter. Stinklangweilig, oder? Weil kein einziger Konflikt darin vorkommt. Chef und Angestellter sind völlig einer Meinung und stimmen sich gegenseitig zu. Jetzt würzen wir das Gespräch mit einem ordentlichen Schuss Missgunst:

“Guten Morgen, Boss!”
“Kiensle, haben Sie’s auch ins Büro geschafft?”
“Tut mir leid, Chef, bin schlecht durch den Verkehr gekommen. Bin etwas durch den Wind.”
“So sehen Sie allerdings aus, letzte Nacht durchgesoffen oder was?”
“Nein Chef, tut mir leid, mein Kleiner hat die Grippe und konnte nicht einschlafen, da habe ich…”
“Was Sie in Ihrer Freizeit treiben, ist mir eins, Kiensle, ich bezahle Sie dafür, pünktlich hier zu sein, verstanden? Was ist mit den Flehmann-Akten, warum habe ich die nicht auf meinem Tisch?”
“Äh, ich bin gestern nicht dazu gekommen, weil die neuen Mitarbeiter und die Schmidt-Akten…”
“Fangen Sie nicht an, die Schuld auf Andere abzuwälzen!”

Klingt doch schon besser, oder? Es ist vielleicht immer noch kein Kunstwerk von einem Dialog, doch er liest sich doch etwas spannender, nicht wahr?

Der Punkt bei der ganzen Sache ist folgender: Ob der Chef eine wichtige Rolle in der Geschichte spielt, ist nebensächlich. Wichtig ist, dass er eine Gelegenheit darstellt, ihrem Protagonisten (im Beispiel also dem Angestellten) Steine in den Weg zu lesen, die er überwinden muss. Wenn ihr etwas vom Handwerk versteht, wird euer Protagonist wahrscheinlich einen Gegenspieler haben, den Antagonisten. Doch es muss nicht dieser etwas episch angehauchte Konflikt sein; was die Geschichte wirklich weiter trägt und spannend hält, sind viele kleine, fast alltägliche Konflikte.

Warum sollten wir dann nicht unwichtige Charaktere nutzen, um der Geschichte an den richtigen Stellen die richtige Schärfe zu verleihen? Passt allerdings auf, dass eure Nebenfiguren nicht (wie es im obigen Beispiel zweifelsohne geschehen ist) zu zweidimensional geraten.

Mehr über die nicht zu überschätzende Bedeutung von Konflikten könnt ihr im Buch “Wie man einen verdammt guten Roman schreibt” von James N. Frey im Kapitel “Konflikt, Konflikt, Konflikt!” nachlesen.

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