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Wie man sich den optimalen Leser züchtet

Den optimalen Leser zu züchten kostet Arbeit, doch es zahlt sich aus
Illustration: Guido Göbbels

Natürlich, es gab Autoren, die ihr Leben lang schrieben, keine Menschenseele daran teilhaben ließen und erst post mortem zu dem Ruhm kamen, der ihnen gebührte.

Doch wirklich interessant wird es für einen Schreibenden doch erst, wenn er die Reaktionen auf seine Werke in den Gesichtern der Leser beobachten kann, wenn er weiß, dass er in der Lage ist, Glück, Neid, Angst, Trauer und andere große Gefühle hervorrufen kann.

Wer schon eine Weile schreibt, wird sicherlich schon einmal ein paar seiner Texte an Freunde verteilt haben, und wenn es euch auch nur ähnlich erging wie mir, haben die meisten eurer Leser den Text vielleicht einmal gelesen, doch danach weggelegt und nie mehr mit euch darüber gesprochen.

Hier ist eine Liste, die beschreibt, wie ihr eure Freunde so umerzieht, dass sie für euch zu optimalen Lesern werden:

  1. Macht eine Liste von Freunden, die in Frage kommen. Ihrer solltet nicht scheuen, euch dabei zu überlegen, welcher Kandidat für diese Liste tatsächlich intelligent genug ist. Er muss ja kein Raketentechniker sein, doch unbelesene Leute werden nicht in der Lage sein, euch Hilfestellung zu leisten.
  2. Nehmt euch eine locker geschriebene Kurzgeschichte oder einen interessanten Auszug aus einem Roman, druckt ihn ein paar Mal aus und verteilt die Kopien an die Kandidaten auf eurer Liste.
    Bittet sie, den Text zu lesen aber fragt nicht nach, ob sie eure Geschichten auch wirklich lesen werden!
    Ihr wollt jene erreichen, die es freiwillig tun.
  3. Jetzt heißt es abwarten. Wenn man meinen Freundeskreis als Maßstab nehmen kann, werden über 90% eurer Testleser euch nie wieder darauf ansprechen. Falls ihr der Versuchung nicht widerstehen könnt, fragt noch einmal nach, doch die Chancen stehen gut, dass der Angesprochene etwas in der Art von “Ich hatte noch keine Gelegenheit dazu” erwidern wird. Das ist nur natürlich.
    Derjenige, der euch freudestrahlend und von sich aus erzählt, er fände eure Geschichte super, der ist das Rohmaterial, das ihr braucht, um euren eigenen, optimalen Leser zu züchten.
  4. Füttert euren Leser. Was er jetzt braucht, ist beschriebenes Papier, um das Feuer in ihm in Gange zu halten. Lasst ihn lesen und lasst zu, dass er sich (im Idealfall) mit eurer Begeisterung ansteckt.
  5. Wenn es euch geht wie mir, werdet ihr hauptsächlich Kritik bekommen, die sich etwa so anhört: “Das könnte ich ja nie, das finde ich wirklich ganz große Klasse!”
    Damit könnt ihr nichts anfangen. Ihr braucht strukturierte, wohlüberlegte Kritik, keine Bauchpinselei. Dass eure Geschichte gut ist, wisst ihr selbst (wenn nicht, überlegt noch einmal, ob ihr eure Kopien verteilen solltet).
    Erzieht euren Leser dazu, euch nicht zu schonen. Animiert ihn dazu, zu sagen, was er schlecht findet, und wenn er Kritik äußert, versichert ihm, dass seine Meinung euch am Herzen liegt und dass ihr darüber nachdenken werdet, sie zu berücksichtigen.
  6. Wenn ihr ihm das nächste Mal etwas zu lesen reicht, bittet ihn darum, fünf Punkte aufzuschreiben, die er anders machen würde. Keine Angst, die findet er schon.
  7. Macht nicht den Fehler, eure Schreibe komplett so abzuwandeln, dass sie diesem einen Leser gefällt. Das ist nicht euer Ziel.
    Fühlt euch frei, seine Kritik in den Wind zu schlagen, wenn ihr der Meinung seid, er hat Unrecht, doch hinterfragt euch selbst gründlich.
    Euer Leser dient dem Zweck, Fehler aufzudecken und eine Meinung abzugeben, nicht, eure Geschichten komplett umzumodeln.

Nach dieser Liste werdet ihr hoffentlich einen guten Freund an der Hand haben, der euch eine qualifizierte Meinung zu euren Texten geben kann (und glaubt mir, sie werden immer besser!), der bereit sein wird, mit euch zu leiden, wenn ihr Absagen sammelt und der mit euch jubelt, wenn ihr das erste Honorar einsackt.

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