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Warum unsere Charaktere vier Ohren haben sollten

Sieht zwar ein wenig seltsam aus, erfüllt jedoch den Zweck: Vier Ohren pro Charakter!
Illustration: Guido Göbbels

Kleine Anmerkung: Richard, ein aufmerksamer Leser, hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass nicht Paul Watzlawick diese Theorie aufgestellt hat, sondern Friedemann Schulz von Thun. Gott sei Dank ist dieser ebenfalls Kommunikationswissenschaftler gewesen, so dass ich den Beitrag weitesgehend heile lassen konnte.
Vielen Dank, Richard!

Der Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick Friedemann Schulz von Thun dürfte dem ein oder anderen von uns noch in negativer Erinnerung sein, dann zusammen mit so großen Werken wie Faust oder Homo Faber haben seine Theorien ein Problem: Sie wurden im Deutschunterricht in der Schule zu Brei verarbeitet.

Wenn man sich mit der Kommunikationstheorie beschäftigt, stellt man schnell fest, dass das menschliche Miteinander auf zwei verschiedenen Ebenen abläuft: der verbalen (was gesagt wird) und der non-verbalen (was nicht gesagt wird, also beispielsweise Körpersprache und Tonfall).

Der verbale Teil ist leicht abgedeckt: Wir können unsere Charaktere schließlich sprechen lassen. Problematisch wird es nur bei der non-verbalen Kommunikation, denn die kann in Fiktion nur unzureichend vermittelt werden, da es ihr schlicht und ergreifend an Subtilität fehlt. Schaut euch folgende Beispiele an:

  • Körpersprache

    “So gehst du mir nicht aus dem Haus, junge Dame!”, rief er und stemmte die Arme in die Hüften.

  • Tonfall

    “Als ob du in der Lage wärst, mich aufzuhalten”, gab sie sarkastisch zurück.

Ein oberflächlicher Zuhörer hätte in Realität vielleicht gar nicht bemerkt, dass die junge Dame sarkastisch wirken möchte (okay, ich gebe zu, es war offensichtlich, aber ihr versteht, was ich meine).

Was können wir also tun, um die verbale Ebene weiter auszureizen? Ganz einfach: Wir lassen unsere Charaktere für uns arbeiten. Und hier kommt unser Freund Paul Watzlawick Friedemann Schulz von Thun wieder ins Spiel, denn er entwickelte das System der vier Ebenen einer Nachricht.

Er ging davon aus, dass jede Nachricht, die von einem Menschen an den anderen gesendet wird, auf vier verschiedene Weisen gleichzeitig verstanden wird.

Um es zu verdeutlichen, stellen wir uns folgende Situation vor: ein Mann sagt zu seinem Freund: “Du, das Bier ist alle”.

  • Sachebene
    Dies ist der pure Informationsgehalt, so, wie er neutral aufgefasst wird.
    “Es ist kein Bier mehr vorhanden.”
  • Selbstoffenbarung
    Was gibt der Sprecher über sich selbst preis? Wie fühlt er sich, was tut er, was denkt er?
    “Ich hätte gerne noch mehr Bier.”
  • Beziehung
    Wie steht der Sender der Nachricht zum Empfänger? Welche Beziehung verbindet sie?
    “Da ich dein Freund bin, finde ich, dass du für das Bier sorgen könntest.”
  • Appell
    Was versucht der Sender der Nachricht zu erreichen, was will er?
    “Hol mir noch ein Bier.”

In einer perfekten Welt würden alle vier Botschaften gleich stark gewichtet werden (wir würden, wie Watzlawick Schulz von Thun es ausdrückt, mit allen vier Ohren gleich hören). Da dies aber nicht so ist, kommt es im täglichen Leben ständig zu Missverständnissen, da Leute beispielsweise zu sehr auf den Beziehungsaspekt der Nachricht achten.

Für uns interessant wird dieses Modell in dem Moment, in dem wir uns klar machen, dass diese Missverständnisse die ideale Quelle für Konflikte in unserer Geschichte sind: Ein geübter Schreiberling sollte in der Lage sein, die vier Ohren seiner Charakter mal hierhin, mal dorthin zu richten, denn durch Missverständnisse kommt Spannung in den Dialog.

Menschliche Kommunikation läuft niemals perfekt ab, und deswegen sollte es in unseren Werken nicht anders sein, denn den perfekten Menschen ohne Schwächen gibt es in keinem Werk: selbst Superman hat sein Kryptonit.

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