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Vorlesen schafft Distanz zum Text

Wenn die erste Fassung des Textes steht und ich mich ans Redigieren setze, habe ich persönlich häufig Probleme damit, Distanz zum Text zu wahren. Soll heißen: Wenn ich einen fremdem Text lese, fallen mir mehr Dinge ein, die ich anders gemacht hätte, ich kann zu beinah jedem Satz aufschreiben, warum er besser anders lauten würde. Wenn ich einen meiner eigenen Texte lese, kann ich das nicht.

Aus welchem Grund ist das so? Ganz einfach: Mein Text gehört mir, ich schrieb ihn, er ist ein Abbild der Welt, die in meinem Kopf entstanden ist. Ich hänge emotional daran und scheue deswegen, meinen Verstand das tun zu lassen, was er tun soll: Rational agieren und Textstellen streichen, die keinen Daseinszweck haben, auch wenn es noch so weh tut. Zu Texten anderer Leute habe ich keine solche emotionale Bindung und deswegen auch keine Hemmungen, zu streichen, zu redigieren, zu kritisieren.

Ein kleiner Trick, den ich mir angewöhnt habe, um nach einer Pause wieder an meinen Text zurückzukehren und das zu tun, was getan werden muss: Ich lese mir selbst vor.

Zuerst solltet ihr sicher sein, dass ihr Ruhe habt, dass euch keiner stört und dass ihr eine Weile vor euch hin arbeiten könnt. Dann öffnet ihr das Dokument, lehnt euch bequem in euren Stuhl und lest euch den Text selbst laut vor. Dadurch, dass der Text nun nicht mehr primär über die Augen aufgenommen wird, sondern vielmehr durch die Ohren den Weg ins Gehirn findet, wird es euch leichter fallen, den Text nicht mehr wie euren Erstgeborenen, sondern wie das zu behandeln, was es eben ist: Die Rohfassung. Und dass die niemals perfekt ist, brauche ich hier schließlich niemandem zu erzählen.

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