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Vorlesen schafft Distanz zum Text

Wenn die erste Fassung des Textes steht und ich mich ans Redigieren setze, habe ich persönlich häufig Probleme damit, Distanz zum Text zu wahren. Soll heißen: Wenn ich einen fremdem Text lese, fallen mir mehr Dinge ein, die ich anders gemacht hätte, ich kann zu beinah jedem Satz aufschreiben, warum er besser anders lauten würde. Wenn ich einen meiner eigenen Texte lese, kann ich das nicht.

Aus welchem Grund ist das so? Ganz einfach: Mein Text gehört mir, ich schrieb ihn, er ist ein Abbild der Welt, die in meinem Kopf entstanden ist. Ich hänge emotional daran und scheue deswegen, meinen Verstand das tun zu lassen, was er tun soll: Rational agieren und Textstellen streichen, die keinen Daseinszweck haben, auch wenn es noch so weh tut. Zu Texten anderer Leute habe ich keine solche emotionale Bindung und deswegen auch keine Hemmungen, zu streichen, zu redigieren, zu kritisieren.

Ein kleiner Trick, den ich mir angewöhnt habe, um nach einer Pause wieder an meinen Text zurückzukehren und das zu tun, was getan werden muss: Ich lese mir selbst vor.

Zuerst solltet ihr sicher sein, dass ihr Ruhe habt, dass euch keiner stört und dass ihr eine Weile vor euch hin arbeiten könnt. Dann öffnet ihr das Dokument, lehnt euch bequem in euren Stuhl und lest euch den Text selbst laut vor. Dadurch, dass der Text nun nicht mehr primär über die Augen aufgenommen wird, sondern vielmehr durch die Ohren den Weg ins Gehirn findet, wird es euch leichter fallen, den Text nicht mehr wie euren Erstgeborenen, sondern wie das zu behandeln, was es eben ist: Die Rohfassung. Und dass die niemals perfekt ist, brauche ich hier schließlich niemandem zu erzählen.

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12 Tipps für selbstbewusstes Vorlesen und Sprechen

Als ich etwa zwölf Jahre alt war, sollte ich im Deutschunterricht vor der Klasse eine Buchbesprechung halten.

Ich stellte mich neben das Lehrerpult, begann mit der Einleitung der Besprechung…und hielt inne. Mit einem Mal war mir schwindlig, mir verschwamm die Sicht, ich musste mich hinsetzen und den Vortrag an einem anderen Tag halten.

Damals dachte ich, die Hitze im Klassenzimmer hätte mir zugesetzt, doch heute weiß ich es besser: Schuld war meine Nervosität.

Vor drei Jahren, im Alter von zwanzig Jahren, saß ich vor einem Dutzend Leuten und las einen meiner Texte, flüssig und ohne zu stottern. Natürlich hatte ich auch da noch Probleme, und nicht aus jedem kann der perfekte Vorleser werden, doch hier sind zehn Ideen, die ich hilfreich finde:

  1. Nicht nervös werden
    Ich weiß, ich weiß, leichter gesagt als getan. Wenn ihr wollt, könnt ihr es mit der alten Zuschauer-in-Unterwäsche-vorstellen-Methode lösen, ich finde jedoch einen anderen Tipp, den mir mal ein Lehrer gegeben hat, einfacher umzusetzen: Stellt euch im Kopf die Frage, was schlimmstenfalls passieren könnte. Niemand wird lachen, wenn ihr euch im Satz verhaspelt und ihn von vorne lesen müsst.
  2. Vorbereitet sein
    Ihr habt den Text natürlich geschrieben, den ihr vorlesen wollt, doch trotzdem würde ich ihn vorher mehrmals lesen. Wenn ihr mit eurem Text wirklich vertraut seid, sinkt die Wahrscheinlichkeit, über ungewöhnliche Wörter zu stolpern.
  3. Entscheidet euch für eine Stimme
    Ich will mal zwischen zwei verschiedenen Arten unterscheiden, einen Text vorzulesen: Entweder, ihr behaltet die selbe Stimmlage bei, oder ihr versucht, die Stimmen eurer Figuren zu imitieren. Letzeres klingt natürlich professioneller, ist jedoch schwieriger durchzuführen, wenn ihr Sprechen nicht gewöhnt seid. Als ich meine Lesung hatte, fing ich an, die weiblichen Charaktere durch eine leicht höhere Stimme sprechen zu lassen, merkte, dass es dumm klang und verfiel in eine einheitliche Tonlage. Was immer ihr tut: Wenn ihr euch vorher entscheidet, könnt ihr einen solchen Bruch vermeiden.
  4. Die Sinuskurve
    Ein Freund, der ehrenamtlich für einen Radiosender arbeitet, gab mir einen Tipp: Sprecht in der Sinuskurve. Wir erinnern uns aus dem Mathematikunttericht: Die Sinuskurve steigt zuerst an, fällt ab dem Zenit, bis sie ihren Tiefpunkt erreicht und steigt dann wieder zur Ausgangsposition. Radiomoderatoren sprechen auf diese Weise, indem sie ihre Stimme durch den Satz mal steigen, mal sinken lassen. Das unterstüzt eine abwechslungsreiche Sprechweise. Vorsicht: Nicht leiern lassen!
  5. Ruhig, Brauner
    Fast jeder ungeübte Sprecher spricht zu schnell. Der psychologische Hintergrund liegt darin, dass man leicht verleitet ist, zu glauben, man sei auf diese Weise schneller fertig. Eine wichtige Regel beim Sprechen vor Publikum lautet allerdings: Jede Pause kommt einem kürzer vor, als sie ist. Scheut euch also nicht davor, an wichtigen Stellen der Geschichte, beispielsweise bei Szenenwechseln, wirklich lange, wirkungsvolle Pausen zu lassen und auch sonst ruhig zu sprechen.
  6. Satzzeichen richtig betonen
    Es mag trivial klingen, doch wenn ein Satz eine Frage ist, sollte er auch so betont werden. Senkt also die Stimme deutlich, wenn ihr an einen Punkt gelangt, hebt sie merklich bei einem Fragezeichen und lasst eine Pause nach beiden.
  7. Trinken
    Nein, ich meine nicht, dass ihr euch vor dem Lesen Mut antrinken sollt. Mein Hauptproblem beim Vorlesen ist, dass mein Mund schnell trocken wird, was irritiert und die Sprechweise beeinflusst. Falls es also irgendwie möglich ist, solltet ihr euch ein Glas Wasser griffbereit halten. Das hat noch einen weiteren Vorteil: Wenn ihr kurz eure Gedanken sammeln müsst, greift einfach nach dem Wasserglas. Die entstandene Pause wirkt entspannend.
  8. Die Wirkung der eigenen Stimme lernen
    Hier liegt eine hohe Hemmschwelle bei den meisten Menschen vor. “Was, so soll meine Stimme klingen?” Egal, da müssen wir durch. Nehmt eure Stimme auf, ein einfaches Computermikrofon oder ein Diktiergerät vom Nachbarn reichen dafür völlig aus, sagt ein paar Sätze (es musst nicht gleich die komplette Geschichte sein) und spielt die Aufnahme ab. Nach einer Weile habe ich mich tatsächlich ein wenig damit abgefunden, wie meine Stimme für andere klingt und konnte selbstsicherer Vorlesen.
  9. Keine Angst vor starker Emotion
    Geschichten sind vollgepackt mit Emotionen. Liebe, Hass, Neid, Angst, Trauer…eure Figuren machen eine Menge durch, nicht wahr? Wir sollten uns nicht scheuen, dies auch dem Publikum so zu präsentieren. Nach mir las ein junger Mann, der die Hälfte seiner Geschichte förmlich herausbrüllte, weil jede der Figuren einen Groll gegen die anderen hegte: Das Publikum hing an seinen Lippen. Daraus habe ich gelernt, dass man ruhig mal ein wenig weinerlich lesen kann, wenn der Protagonistin just das Herz gebrochen wurde.
  10. Hört den Profis zu
    Besorgt euch ein paar Hörbücher (am besten keine Hörspiele, die von mehreren Sprechern mit verteilten Rollen gelesen werden, Hörbücher mit nur einem Sprecher eignen sich besser), und hört ihnen beim Sprechen zu. Versucht, sie nachzuahmen und ihre Sprechweise für eure Texte zu adaptieren. Wenn ihr nicht viel Geld ausgeben wollt, schaut mal in eurer Stadtbibliothek vorbei (oder besucht Sie im Internet!)
  11. Achtet auf die Körpersprache
    Nach Schätzungen macht das gesprochene Wort nur etwa die Hälfte der Botschaft aus, die wir übermitteln wollen: Der Rest besteht aus der so genannten Metakommunikation, also Körpersprache und Betonung. Ich schlage vor, die Lesung bequem auf der Couch zu üben und sich dabei selbst, mit einem gelegentlichen Seitenblick, im Spiegel zu beobachten, oder, falls die Möglichkeit besteht, sich selbst mit einer Videokamera oder Webcam zu filmen.
  12. Üben, üben, üben
    Die wichtigste Lektion für ein höheres Selbstbewusstsein beim Sprechen ist: Üben. Bevor ihr euch vor eine Gruppe fremder Leute setzt, ladet zwei oder drei Freunde ein und lest denen vor. Noch besser: Macht das Vorlesen zu einer angenehmen Übung. Ich lese meiner Freundin Lisa gerne mal die ein oder andere Geschichte vor, und es stellt für uns beide eine schöne Erfahrung dar.

Vielleicht ermutigen euch diese Tipps ja, euch einmal selbst einem Publikum zu stellen, ich plane auf jeden Fall, in naher Zukunft wieder an einer Lesung Teil zu nehmen (keine Angst, ich schreibe natürlich darüber!), denn es ist für einen Hobbyschriftsteller eine sehr bereichernde Erfahrung.

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Das Literaturcafé gibt Tipps zu Lesungen

Mit der Serie “Bis Klagenfurt anruft. Ein Praxisbericht” begleitet das Literaturcafé nun schon seit fünf Folgen den siebenjährigen Weg einer jungen Autorin bis hin zur ersten Veröffentlichung.

Der jüngst veröffentlichte, fünfte Teil der Serie, “Präsentationen. Lesungen.” widmet sich dem Thema “Lesung”, und weil ich für morgen ebenfalls einen Beitrag zu diesem Thema vorbereitet habe, wollte ich euch diesen Link nicht vorenthalten.

Die Klagenfurt-Serie ist locker geschrieben und spaßig zu lesen, und doch ist sie, in jeder Folge wieder, wertvoll und mit nützlichen Tipps vollgepackt.

Ich würde die Lektüre der Seite uneingeschränkt empfehlen, denn ich konnte schon viel daraus lernen.

Links

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