Der Sonnenautomat
Keiner von uns sagte etwas.
William saß an der Bar, einen Ellbogen auf den schmierigen Belag gestützt, der den Tresen zierte, ich stand gegen den Kickertisch gelehnt und trank ein Bier. Abgesehen von Williams unnötig lautem Schnauben, wenn er den Rauch Richtung Decke stieß, war das einzige Geräusch im ganzen Raum das immergleiche Fiepen und Stöhnen der Sonnenmaschine. Wir nannten sie so, weil man auf Knöpfe drücken musste, und wenn drei Sonnen erschienen, gewann man ein Freispiel. Und wer ein Freispiel hatte, der konnte damit angeben und vielleicht sogar Geld gewinnen, wer weiß, manchmal macht das Leben solche merkwürdigen Kurven, doch eigentlich waren wir uns einig, dass ein Freispiel besser war als Geld.
Ich besah mir den halb vollen Krug, den ich in der Hand hielt, und ließ das Bier sanft hin und her schwappen. Pisswarm, das Zeug.
“William”, sagte ich gedehnt. “Das war ‘ne Scheißidee mit dem Kickertisch.”
“Ich wollte die Stange benutzen wie so einen Billiardstock.”
Oh ja, das wollte er. Er hatte daran herumgerissen und gezogen, die armen Holzfiguren immer wieder gegen die Federung geschlagen in seinem kümmerlichen Versuch, die Aluminiumstange abzubrechen. Ohne Erfolg natürlich. Und das hätte er auch gewusst, wenn er seine grauen Zellen strapaziert hätte, statt die Panik seine Gedanken fressen zu lassen.
“Es war trotzdem ‘ne beschissene Idee.”
“Wie so einen Billiardstock”, sagte William und zog Rauch in seine geschwärzten Lungen. “Das hab ich mal in so ‘nem Zombiefilm gesehen.”
“Sie ist kein Zombie”, sagte ich, ohne ihn anzusehen.
“Ja. Du hast natürlich Recht.”
Eine Weile beherrschte der Sonnenautomat wieder die Geräuschkullisse, und als mich Williams Atem zu sehr nervte, sagte ich, um überhaupt etwas von mir zu geben: “Was hältst du von den Bullen?”
“Was sollen wir denen denn bitte erzählen?”
Tatsächlich. Was sollten wir denen denn bitte erzählen. Selbst William hat manchmal ein leichtes Glimmen in der endlosen Schwärze hinter seinen Augen.
“Ich sag’ dir was”, sagte ich. “Du gibst mir ‘ne Zigarette, dann trink’ ich dieses Bier hier aus, und dann schauen wir uns die Sache mal an.”
William antwortete nicht, sondern reichte mir eine seiner Pall Malls. Ich schloss daraus, dass er keine Einwände hatte.
Wir hatten sie ins Herrenklo gesperrt, da war mehr Platz.
Ich hätte gerne gesagt, die Tür hat schon einmal bessere Zeiten gesehen, doch das wäre gelogen. Mein bescheidenes Monatsgehalt geht an denjenigen, der mir beweisen kann, dass sie nicht schon so fleckig und termitenzerfressen eingebaut wurde.
An der Tür hat der alte Jenkins die gammelige Dartscheibe des Schuppens aufgehangen, und das war auf jeden Fall die blödeste Idee in einer Serie von verdammt blöden Ideen des alten Jenkins gewesen. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass William beinah ein Auge verloren hätte, weil irgend so ein betrunkener Waliser nicht aufgehört hatte zu zielen, als die Tür aufschwang. Ziemliche Sauerei, das. Wir hatten ihm die metallene Pfeilspitze aus dem Arm ziehen müssen.
Fest stand, dass der alte Jenkins von jetzt an keine blöden Ideen mehr haben würde.
Als ich die Hand an die Klinke legte, hörte ich wieder das Geräusch, das Scharren, das Klicken. Mir war nicht ganz wohl bei der Sache, doch vor William wollte ich mir keine Blöße geben, und so riss ich die Tür mit einem Schwung auf.
Ohne auch nur einen Augenblick zu zögern, stürzte sie sich auf mich. Sie kam bis knapp einen Meter an mich heran, dann straffte sich das Seil, mit dem wir sie festgebunden haben, um ihren Hals und schnitt tief hinein. Der Schwung des Angriffs riss sie von den Füßen und ließ sie hart mit dem Rückgrat auf die Fliesen schlagen, doch ohne auch nur einen Moment zu zögern, raffte sie sich auf die Knie und kroch wieder auf mich zu, soweit sie konnte.
Dabei gab sie nicht ein einziges Geräusch von sich, das war das unheimlichste daran. Sie schrie nicht oder keuchte oder lechzte wie ein Hund, alles, was zu hören war, war das schnelle Öffnen und Schließen ihres Kiefers.
Deswegen war ich mir auch so sicher, dass sie kein Zombie war. Zombies stöhnen.
“Sie hat sich verändert”, sagte ich.
“Ja. Ihr Haar fällt aus.”
Er hatte Recht. Wie ein Haufen verhedderter Spinnenbeine lag ihr Haar auf dem Boden.
“Das hab’ ich nicht gemeint. Schau dir ihre Arme an.”
“Was ist mit ihren Armen?”
“Man merkt, dass du echt nicht für’s Denken bezahlt wirst. Sie sind länger. Ihre Zunge übrigens auch.”
“Echt?”, fragte William, und für seine dumpfe Visage hätte ich ihn am liebsten geohrfeigt.
“Echt. Ich glaube, sie bewegt sich jetzt lieber auf allen Vieren fort. Außerdem sind ihre Augen beinah schwarz. Sehen aus wie Rosinen auf ‘nem Kuchen, findest du nicht?”
“Ja.”
Ich sah mir eine Weile an, wie sie sich gegen das Seil warf, immer und immer wieder. Warum der alte Jenkins ein Seil hinter der Theke aufbewahrte, wird mir auf immer ein Rätsel bleiben, doch es war ganz nützlich, nachdem William es geschafft hatte, einen Stuhl auf dem Kopf der kleinen Göre zu zertrümmen. Das musste man ihm lassen, der Hieb hatte gesessen, ich konnte die Wunde noch sehen, wie sie mich rot angrinste.
“Was sollen wir jetzt mit ihr an-”, setzte ich an. Plötzlich löste sich der verdammte Knoten.
“Scheiße, William, du Idiot, kannst du keine gescheiten Knoten machen”, wollte ich sagen, doch alles, was ich herausbrachte, war “Scheiße”, bevor mein Körper mir die Kontrolle entzog, und ich einen Sprung zur Seite machte, wobei ich mir den Kopf ziemlich heftig am Waschbecken schlug, welches hier nie jemand zu benutzen schien.
Lichtblitze zuckten vor meinen Augen. Drei Sonnen, dachte ich. Scheiße, Freispiel.
Anscheinend war das Blondchen inzwischen der Meinung, William sei ein leichteres Ziel, und wahrscheinlich hatte sie Recht, denn er stand dort und starrte sie an, als wüsste er nicht so genau, ob er gerade träumte.
Sie stürzte sich auf ihn, und ich schwöre bei Gott, sie kletterte an ihm hoch, schlug ihm die krallenartigen Fingernägel in den Bauch und zog sich hoch und biss in seine Brust, genau dort, wo das Herz sitzen musste, biss sie ihn, ihre Zähne drängten sich in sein Fleisch und das Mädchen, das ich vor einer halben Ewigkeit beinah angegraben hätte, schüttelte ihren Kopf wie ein räudiger Hund, bis sie ein paar Fleischfetzen herausgerissen hatte und wieder von ihm abfiel wie eine satte Zecke.
Aus irgend einem Grund erinnerte ich mich daran, wie ich mal eine Dokumentarsendung in der Glotze geschaut hatte, in der es um den menschlichen Körper ging, und ich weiß noch, dass irgend so ein Mädel von der Küste, Brittany, hieß sie, glaub ich, nackt auf meinem Schoß geschlafen hatte, beide Brüste in die Luft gereckt, scheiße, das waren noch Zeiten, und der Sprecher hatte gesagt, der Kiefer ist einer der kräftigsten Muskeln im menschlichen Körper, und er schien recht zu haben.
Doch dann war die kleine Schlampe schon wieder auf ihren vier Beinen und noch immer machte sie kein einziges beschissenes Geräusch. William auch nicht. Er stand nur da, mit aufgerissenen Augen, und betrachtete sein fehlendes Stück Fleisch in der Brust. Zu nichts zu gebrauchen, der Kerl.
Ich sah mich um, wollte irgendeine Waffe finden, doch alles, was ich sah, war ein Wischmopp, der hier in dieser nach Pisse stinkenden Ecke wahrscheinlich schon eine Menge erlebt hatte, aber bei Gott, der Stiel schien stabil genug, also holte ich aus und wollte ihm dem Biest über den Kopf ziehen und ich weiß auch nicht, welche Engelchen meinen Schlag gelenkt hatten, denn ich traf, zwar nicht ihren Schädel, ihre Schulter. Ich spürte kaum Widerstand.
Sie zerbröselte. Mit einem leisen Schmatzen drang der Stiel des Mopps tief in ihr Fleisch, ihr Arm knickte in einem unnatürlichen Winkel nach unten. Fiel einfach herunter. Ihr verdammtes Fleisch schien wie aus Pappe zu sein. Pappe, mit einer Lage Haut, die darüber gezogen war.
Das brachte sogar mich aus der Fassung, und für einen Moment stieg mir die Galle hoch. Mir, der ich normalerweise schon mit dem Gesicht zuerst in eins dieser verdammten Klos getaucht werden müsste, bis ich kotze.
Und ich wollte nicht kotzen, denn wenn mir jetzt mein Essen noch mal durch den Kopf ging, würde ich sterben. William war nicht in der Lage, mich zu retten, er stand inzwischen nicht mehr, sondern kniete auf dem Boden, blutete und hielt sich die Brust. Wenigstens knatschte er nicht.
Bevor ich erneut ausholen konnte, warf sich das Mädel gegen meine Beine und biss mir gleichzeitig in den Oberschenkel, weil er das erste war, was sie zwischen die Kiefer bekam. Ich heulte auf und trat nach ihr, und tatsächlich traf ich die Schulter, welche nicht an einem kleinen Fetzen Fleisch daherbaumelte, und sie ließ ab von mir, und zum ersten Mal, seit wir sie hier eingesperrt hatten, kam ein Geräusch über ihre fauligen Lippen, ein kleines, heiseres Lispeln, ein fast zärtliches Wimmern.
“Scheiß drauf”, sagte ich, und meine Stimme wurde von den engen Wänden zurückgeworfen. Ob sie nun ein Zombie war oder nicht, ich war mir relativ sicher, dass das Vieh nicht ohne Kopf überleben konnte.
Ich hob den Wischmopp über den Kopf und schlug zu.
Es war ein Jammer um das Mädchen. Selbst auf allen Vieren, mit zerschlissener Bluse und Geifer im Mundwinkel, war immer noch ein klein wenig Schönheit in ihrem Gesicht gefangen gewesen, bevor ich es zerschlagen hatte.
“Komm schon, William”, murmelte ich, eine seiner Pall Malls in den Mundwinkel geklemmt. “Lass uns schauen, ob in diesem Kaff noch ein Arzt Zeit für dich hat.”
Er antwortete nicht, er folgte mir nur. Er hat lange schon nichts mehr gesagt.
Ich wünschte, der alte Jenkins wäre so schrullig gewesen, eine Doppelläufige hinter der Theke aufzubewahren, doch alles, was wir gefunden hatten, war eine eingestaubte, fast leere Flasche Gin, die wir geteilt hatten, und eine Ausgabe der “Big Bazonkas”, die ihren Platz in meiner Gesäßtasche gefunden hatte.
Da draußen, vor der Bar, waren noch mehr von denen, mit ihren kahlen Schädeln und ihren kleinen, schwarzen Augen und ihren endlosen, dünnen Gliedmaßen. Ich wusste es. William wusste es. Und wir beide wussten verdammt genau, dass wir lange keinen Arzt zu Gesicht bekommen würden.
“Scheiß drauf”, sagte ich und schulterte meinen Wischmopp.
Wir öffneten die Tür und traten auf die Straße.
Draußen regnete es.
Keine drei Sonnen mehr für uns.
Anmerkung
Es wurde noch eine weitere Illustration zu dem Text angelegt, ich habe mich dann aber doch für die mit der Tür entschieden.
