Die Auslöscher
Zitat aus dem Text:Einfach weiterrennen, den Schmerz ignorieren, alles eine Frage der Willenskraft.
Ihr Fuß bleibt irgendwo hängen. Ein Ast, eine kleine Vertiefung, irgendwas. Mitten im Laufen schlägt sie lang hin. Der Schmerz klopft hektisch an die Mauern ihres Verstandes, doch dringt nicht einmal in ihr gehetztes Bewusstsein vor, schon ist sie wieder auf den Beinen und rennt atemlos weiter.
Das durch die knochigen Äste der Bäume brechende Licht lässt ihr Gesicht in fahlem Grau erscheinen, als sei sie weniger ein Mensch als eine bizarre Marionette, eine Leichenpuppe, deren Erscheinung einfach nur im Gegensatz zu ihren Bewegungen steht.
Ihr Körper schreit. Die Lungen brennen heiß, scheinen flammende Hände ihren Hals hinaufzuschicken, als wollten sie um Gnade flehen, wollten sie überreden, endlich stehen zu bleiben, sich einfach fallen zu lassen und wie tot liegen zu bleiben. Ihre Beine wollen kollabieren, sie fühlen sich an wie totes Fleisch, das statt von Leben von Schmerz erfüllt ist. Mehr und mehr versagt ihr Verstand daran, ihren grauen Puppenkörper unter ihre Kontrolle zu zwingen.
Doch da ist noch etwas, etwas, das sie nicht auf ihre körperliche Erschöpfung schieben kann, wenn sie doch nur aufhören könnte zu laufen, um nachzudenken, um…nein! Weiterrennen! Erneut legt sie an Geschwindigkeit zu.
Wohin? Wohin?! Egal! Hauptsache weiter, nur weg, viel weiter weg. Die Erinnerung scharrt an ihrem Geist, aggressiv und brutal, will ihren Kopf wieder füllen mit den Gedanken.
Weiter. Einfach weiterrennen, den Schmerz ignorieren, alles eine Frage der Willenskraft. Es war so grundlegend falsch gelaufen. Weiter, Körper, weiter, nicht mehr lange, verdrängen, dann kannst du dich hinlegen…
So falsch! Nichts von der erhabenen Entität, keine Völkerverständigung, keine noble Intelligenz, keine gönnerhafte Süffisanz, nichts! Weiterrennen! Angsterfülltes Durchhalten und…Hass? Warum Hass? Angst? Nein…Hass…warum?
Riesiges, monumentales Material, nicht glänzend wie Stahl sondern matt, unförmig und kantig, in bizarren Winkeln verformt und grässlich anzusehen, nicht flach und rund und glänzend wie in den Filmen! Dann die Tür auf und…nein! Rennen!
Warum der Hass? Sie konnte es sich nicht erklären. Alles, was nach logischem denken in ihrem Kopf Platz haben sollte waren Angst und Schmerz und Hass. Nein! Kein Hass, zum Henker mit euch allen! Euch allen? Weiter!
Plötzlich der absurde, perverse Drang, sich zu entschuldigen. Alles zu bereuen, in Selbstgeißelung dem Ende entgegen zu sehen, sein eigenes Blut vergießen. Fast schon griffen ihre Finger nach irgendeinem dornenbewehrten Ast. Weiterrennen! Den Hass vergessen! Selbsthass? Nein, Hass auf…Keine Zeit zu bereuen!
Sie stiegen aus, und sie waren genau wie es. Unförmig, auswüchsig, die Intelligenz nicht nobel, sondern eher…Hass! Warum dieser Hass? Hass auf sie? Nein, Hass auf….egal, weiterrennen. Wie schnell mochten sie sein? Schneller als sie?
Die Intelligenz verdorben, und der Gestank! Der Gestank nach Tod und Verdorrtheit, nach Vergeblich- und Vergänglichkeit. Und erst ihr stolz, den sie gefühlt hatte, als sie im gleißenden Licht stand! Sie hatte sie gesehen, vielleicht als erste, aber dann….weiter rennen, weiter rennen, weiter rennen.
Den Hass herunterschlucken und rennen! Warum Hass, sie sollte keinen Hass fühlen, könnte es sein, dass… Hass! Aggression!
Sie denkt an Zivilisation, Geborgenheit und Sicherheit. Schneller rennen, weiter rennen. Und bereuen, alles bereuen.
Dann geschieht es. Sie sieht sich selbst, sieht ihren eigenen Marionettenkörper neben sich rennen, und der Hass flackert auf, weißglühend und mächtig wie die Sonne. Sie wirft sich auf ihr Gegenüber, überschlägt sich, stürzt, bricht sich eine Rippe, deutlich das Geräusch, weiter, runter, schlagen, Schmerz ignorieren und dann…würgen. Sie hat sie fest im Griff, nicht lockerlassen, sie oder ich, du musst sterben, Hass, Hass!
Wieso keine Luft mehr? Atemlos? Vom Rennen? Luftholen nicht möglich…warum? Hass! Hass! HASS!
Nicht ihr Hass…ihr Hass…Hass auf…Menschen? Keinen Kontakt knüpfen, sondern vielmehr…die Erinnerung auslöschen…wie einen…Fehler?
Kurz bevor ihr Herzschlag aussetzt und die erste Zeugin der Ankunft der Auslöscher ihren letzten Atemzug tut, begreift sie: Dass keiner der Gedanken, den sie nach ihrer Ankunft in ihrem Kopf hatte, noch ihr gehörte, dass sie langsam dahingerafft wurde vom Wahnsinn, der jeden ereilt, den die Auslöscher suchen, dass ihre Flucht vergeblich war von Anfang, dass sie nicht die letzte bleiben würde.
