Neu hier?

Dienstag, der 30. März

Ich saß gerade an der Haltestelle auf den schmutziggrauem Steinen, die das fad-grüne Gras vor den Schuhen der Passagiere schützen sollten und überlegte mir, ob ich cool aussähe, wenn ich rauchen würde, als mich plötzlich eine bekannte Stimme aus meinen unwichtigen Gedanken riss.
“Hey, Jörn! Ewig nicht mehr gesehen!”
Mit der Hand meine Augen gegen die gleißende Morgensonne abschirmend, blinzelte ich der Gestalt entgegen und versuchte, durch die bunten Punkte auf meiner Netzhaut etwas Vertrautes auszumachen.
Anscheinend musste mir meine Unsicherheit deutlich ins Gesicht geschrieben sein, denn nach kurzer Zeit hakte mein Gegenüber nach:
“Ich bin’s! Dienstag! Dienstag der 30.März!”
Ein breites Grinsen stahl sich über meine Lippen, und ich reichte Dienstag die Hand.
“Hey, ewig nicht gesehen. Wie lange ist das letzte Mal jetzt her? Zehn, elf Monate?”
“Nun ja”, erwiderte Dienstag und lachte. “Ziemlich genau ein Jahr. Wie ist es dir denn ergangen in der Zwischenzeit?”
“Hab inzwischen mein Abi gemacht, aber eigentlich ist nichts Tolles passiert. Gut siehst du aus!”
“Danke sehr”, sagte der 30. März, zupfte sich den makellosen Sonnenschein zurecht und fuhr sich mit den Fingern durch den strahlend blauen Himmel.
“Was hast du denn heute vor?” fragte ich, ehrlich interessiert.
“Nicht viel, denke ich. Muss zwar arbeiten heute, aber ich werd’ es mal langsam angehen lassen. Bisschen Sonnenschein hier, vielleicht ein paar Schaafwölkchen da, aber das war’s auch im Grossen und Ganzen.?
Ich nickte, etwas enttäuscht, und fragte dann: “Ich brauch’ also gar nicht erst auf angenehme Überraschungen warten?”
“Ich fürchte nicht, nein.”
Wieder nicke ich, diesmal wirklich enttäuscht. “Na ja, du hast dir auch deine Ruhe verdient.”
Eine Weile entstand die bestimmte Art von peinlicher Stille, die zwischen Leuten entstand, die sich nach langer Zeit trafen und doch nicht so recht was zu erzählen hatten, bis meine Bahn einfuhr und ich mich mit den knappen Worten “Da kommt meine Bahn. Mach’s gut, Dienstag, bis nächstes Jahr” verabschiedete.
Ich ließ mich auf den zerschlissenen Stoff der Sitze fallen und winkte Dienstag, dem 30. März zum Abschied durch die Fensterscheibe zu.