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Gefährliches Halbwissen

Stell dir vor, du willst eine Dose Erbsen kochen, packst den Öffner aus und stellst anschließend fest, dass die Dose kein Pfund Erbsen, sondern fünfhundert Gramm Uran enthalten. Stell dir vor, was für ein verdammt dämliches Gesicht du machen würdest.
Es ist nicht das, was wir nicht wissen, das uns Angst macht. Vor Fragen, die zu groß sind, um sie als Ganzes zu erfassen, macht der menschliche Verstand meistens dicht. Oder kannst du dir vorstellen, wie lang ein Lichtjahr ist? Nein? Siehst du.
Was uns wirklich erschüttert, was uns aus unserem Alltagstrott reißt und uns mit der Nase voran in ein Loch voll Unglauben stürzt, ist nicht unser Unwissen, es ist das, was unser Geschichtslehrer in der neunten immer „gefährliches Halbwissen“ nannte. Wir sind davon überzeugt, dass unsere Welt so ist, wie sie ist, dass sie gewissen Gesetzmäßigkeiten unterworfen ist, bis wir schließlich herausfinden, dass wir in der Schule doch nichts als Scheiße gelernt haben.
Die Erde ist eine Scheibe, Galileo, und so weiter, und so fort. Beispiele gibt es genug. In so einem Fall, wenn wir einen Hasen sehen, der einen Jäger schießt, dann verwirrt es uns, verwirrt uns bis in das tiefste Innere unserer Seins, untergräbt unser logisches Denken und unseren rationalen Verstand, bis nichts überbleibt als Zweifel und nacktes Entsetzen.
Der einzige tröstende Gedanke daran ist, dass man sich mit der Zeit daran gewöhnt.
Stell dir vor, du wärst ich.
Stell dir vor, du hättest den Schlüssel in der Hand, durch den alles einen Sinn ergibt. Du wüsstest, dass der Maxwell’sche Dämon nichts als ein Rätsel ist, mit dem man sich in der Mittagspause die Zeit vertreibt, nicht viel mehr als ein Kreuzworträtsel.
Stell dir vor, du weißt die Quadratwurzel von zwei.
Stell dir vor, du wärst allmächtig.
Manchmal, wenn ich auf dem Rücken liege und in den Himmel schaue, fühle ich mich wie ein Gott. Seltsam, ich weiß. Kein vernünftiger Mensch sollte so denken. Aber vielleicht bin ich ja ein Engel.
Nachdem ich den Gedanken das erste Mal gefasst hatte, würde mir alles auf einmal klar. Wenn ich daran zurückdenke, wie mich dieser einzelne, riesige Moment der Klarheit erfasste, der Billiarden von kleinen Erkenntnissen nach sich zog, lässt es sich am besten mit einem Orgasmus umschreiben. Auf einen Schlag eine Fülle von Wissen, so mächtig und überwältigend, dass du die Kontrolle über deinen Körper zu verlieren drohst. Der Sündenfall war nichts dagegen.
Dabei war es so gottverdammt einfach gewesen, so dermaßen simpel und schlicht, dass man sich mit der flachen Hand an die Stirn schlägt, wenn man einmal dahinter kommt.
Seit uns die Kirche unter zu Hilfenahme von glühendem Stahl und Daumenschrauben davon überzeugte, dass die Welt so ist, wie sie ist, und dass der Mensch nichts ist als ein zum Arbeiten gedrillter Roboter, dessen außergewöhnlichste Fähigkeit darin besteht, mit der flachen Hand in der Achselhöhle ein lustiges Geräusch zu erzeugen, seitdem glauben wir es.
Und über die knappen 700 Jährchen, die seitdem vergangen sind, hat sich dieses Halbwissen in unserem Hirn breitgemacht und Widerhaken in die Innenseiten geschlagen, auf dass wir es ja nicht mehr da raus bekommen. Aber ich habe es geschafft.
Gott schuf die Menschen nach Seinem Ebenbild. Warum leiten wir daraus ab, dass Gott humanoid aussehen muss? Warum nicht mal anders herum? Warum nicht mal denken, dass wir Menschen alle Götter sind?
Es kam völlig unspektakulär. Nicht mit einem Urknall, der meiner plötzlichen Erkenntnis entsprochen hätte, die ich daraus gefolgert hatte. Ich lief über die Strasse und fand ein zerknülltes Taschentuch in der Tasche meiner Lederjacke. Im Vorbeigehen ließ ich es in einen leeren Mülleimer fallen.
Doch dann fühlte ich irgendetwas. Das selbe Gefühl, dass du hast, wenn jemand über deine Schulter deine Zeitung liest, dasselbe vage Gefühl, dass deine Nackenhaare dazu bringt, sich aufzustellen, wenn ein Bild im Raum schief hängt. Eine leichte Veränderung der Welt, die mein Herz schneller schlagen ließ.
Ohne den Grund zu kennen, wandte ich mich um. Das Taschentuch lag neben dem Mülleimer auf der Strasse. Und dann wurde es mir klar. Ich hatte mir am vergangenen Abend die Telefonnummer eines schnuckeligen jungen Mädels darauf notiert, weil ich kein Papier zur Hand hatte.
Wäre es nach den Gesetzen der Physik gegangen, hätte das Taschentuch hineinfallen müssen, aber es ging nicht nach diesen Gesetzen. Es ging nach meinen.
Mein Unterbewusstsein wollte nicht, dass ich diese (relativ) wichtige Information wegwerfe und hat so die Realität verändert. Nicht viel, nur so viel, wie es sein musste.
Und als mein Bewusstsein davon Wind bekommen hatte, wurde mir schwarz vor Augen aufgrund der plötzlichen Flut von Erleuchtung, die über mich hereinbrandete. Ich ließ mich schwer auf eine Parkbank fallen, und während ich langsam wieder klar im Kopf wurde, lachte ich wie ein Besessener.
Ich hatte den Apfel nicht nur angebissen, ich hatte ihn mit einem Mal heruntergeschlungen und noch nicht mal die Kerne wieder ausgespuckt.
Natürlich war ich verwirrt, ziemlich sogar. Die Sache mit den Erbsen und dem Uran, du weißt noch. Ich war komplett durcheinander, und ich hatte mächtige Angst, mit dem Wissen und der Verantwortung, die ich mir aufgebürdet hatte, nicht klar zu kommen.
Ich stand mitten in Nod, und das Seltsame daran war, dass es mir da irgendwie gefiel.
Denn Gott hat uns nicht als willenlose Sklaven geschaffen, sondern als intelligente Wesen, und damals, vor der Sache mit der heiligen Inquisition, damals waren wir uns bewusst, wie mächtig unsere Intelligenz und unser Willen sind.
In unserer Zeit, in der die Medien täglich aufs Neue den Brei umrühren, der einmal unser freies Denken war, haben wir längst vergessen, dass wir uns nicht an die Umstände anpassen sollten, sondern umgekehrt.
Und das tue ich. Der Glaube kann Berge versetzen, und mein Wille kann das auch.
Magie, Telekinese, Telepathie. All dies ist real.
Wir haben das mal gewusst, aber längst wieder vergessen.
Und wenn doch mal jemand daran geglaubt hatte, irgendwann einmal über den Zaun Edens geschaut hat und das Wissen dahinter erahnt hatte, dann hatte er sich selbst viel zu große Ziele gesetzt.
Er hat gleich versucht, bewusst Tische zu verrücken, Türen zuzuschlagen oder Gabeln zu verbiegen. Unbewusst ist so was leicht, aber durch Konzentration schafft es zunächst keiner. Die ersten paar Veränderungen, die man vollbringt, spielen sich auf der atomaren Ebene ab. Das wurde mir in dem Moment klar, als der Wind mein Taschentuch erfasste und es fortblies.
Erst, wenn man seinen Geist genug trainiert hat, vollbringt man Änderungen, die sich durch das bloße Auge erkennen lassen. Doch die Menschen geben viel zu schnell auf. Wenn sie nicht sofort in der Lage sind, durch bloßen Willen ein Streichholz zu entzünden, dann ist es eben unmöglich.
Natürlich kam ich mir unheimlich dumm dabei vor, Abend für Abend vor einem Glas Wasser zu sitzen und es leer anzustarren, während ich versuchte, den Inhalt mit meinen Gedanken in Schwingungen zu versetzen, aber immer, wenn ich aufgeben wollte, hielt mich dieses vage Gefühl zurück, dass mehr an der Welt sein muss, dasselbe Gefühl, dass meine Nackenhaare dazu brauchte, sich kerzengrade aufzustellen.
Und eines Abends schwang das Wasser.
„Klasse Partytrick“, sagen alle, denen ich es vorführe. Niemand hat mir bisher geglaubt, und ich würde wetten, du tust es auch nicht.
Lange spürte ich eine unfassbare Verzweiflung darüber, dass ich den Menschen einfach nicht begreiflich machen konnte, zu was sie in der Lage sind, wenn sie sich einmal von bestehenden Denkmustern lossagen würden. Das wir alle ein perfektes Leben führen könnten, wenn es ein zweiter, ein dritter, und schließlich alle sechs Milliarden einsehen würden.
Doch diese Verzweiflung gibt es jetzt nicht mehr. Ich habe akzeptiert, dass ich besonders bin und ich habe auch akzeptiert, das mein Wissen mit mir untergeht, wenn ich mal nicht mehr bin.
Manchmal versuche ich es trotzdem. Entzünde ein Streichholz ohne es anzufassen, lasse Stühle durch den Raum fliegen oder sage eine zwanzigstellige Zahl auf, die sich mein Gegenüber aufgeschrieben hatte.
Und wenn ich dann erzähle, warum ich es kann, und mein Gesprächspartner antwortet: „Unmöglich! Du musst dich doch auch den Regeln der Physik unterwerfen!“, dann lächele ich und sage: „Ich hab’s noch nie so gehabt mit Regeln.“
Danach verändere ich sein Gedächtnis soweit, dass wir uns nie unterhalten haben.
Schließlich verwirren uns nicht die Dinge, die wir nicht wissen, sondern die, die wir zu wissen glauben, und die nicht so sind.
Und ich kann nicht von jedem verlangen, dass er seinen Geist weit genug öffnet, um das zu verstehen.
Nicht jeder isst gern Obst.