Neu hier?

Gold und Glas, wie leicht bricht das

Seit einer geschlagenen Stunde schon schwiegen wir uns an.
Ich stocherte lustlos in meinen Cornflakes herum, die sich langsam aber sicher mit der Milch zu einem einheitlichen Brei vermengten; Sally neben mir tat so, als läse sie die Morgenzeitung und blies sich dann und wann eine pechschwarze Haarsträhne aus dem Gesicht.
Mehrmals dachte ich, meinem immer noch vom Tequila benebeltem Gehirn wäre ein sinnvoller Anfang für ein klärendes Gespräch entsprungen, doch in dem Moment, als ich Luft holte, fielen mir stets gleich ein Dutzend Gründe dafür ein, doch lieber die Klappe zu halten.
Ohne Vorwarnung fingen die Fenster an, unter dem Einfluss eines infernalischem Lärms zu vibrieren. Keiner von uns beiden zuckte auch nur mit der Wimper. Es war eh nur wieder der Sechs-Uhr-Fünfundvierzig-Zug nach Leipzig, der mit einer Geschwindigkeit über die Gleise preschte, als wäre der Leibhaftige persönlich hinter ihm her. Die Vibration der Glasscheiben übertrug sich bald auf die Schränke und ließ die Tassen auf Wanderschaft gehen.
Routiniert und ohne hinzusehen schnellte Sallys Hand in Richtung ihrer Kaffeetasse, um ein etwaiges Überschwappen der beinahe durchsichtigen Flüssigkeit zu verhindern. Die kleinen Putzbröckchen, die sich von der Decke lösten, verfehlten alles Essbare, und so war der Zug auch schon bald durchgestanden.
Unser Streit allerdings noch lange nicht.
Langsam wünschte ich mir inständig, ich würde einen geeigneten Satz finden, um die ganze Chose hier endgültig aus der Welt zu schaffen. Wir hatten uns in unserem Schweigen so dermaßen festgefahren, dass sich keiner traute, die Unterhaltung zu beginnen.
Wenn ich jetzt etwas sagen würde, würde sich wieder dieses Lächeln auf Sallys Gesicht stehlen: ein kleines Zucken in den Mundwinkeln, dass in meterhohen Blockbuchstaben das Wort „Loser“ an die Wand schreibt.
Das war auch der Grund dafür, dass meine Cornflakes langsam von einzelnen Individuen in ein Kollektiv übergingen: wenn ich anfinge, sie zu essen, wäre ich zwangsläufig irgendwann fertig, und vom Tisch aufzustehen, um mein Geschirr abzuräumen, war schlicht und ergreifend undenkbar.
Ich zwang meine völlig übermüdeten grauen Zellen zu neuerlicher Arbeit. Wahrscheinlich wäre es am Einfachsten, einfach in Tränen auszubrechen, sich vor Sally auf die Knie zu werfen und um Vergebung zu bitten. Entschuldigung, Diskussion, Umarmung, Versöhnung, Sex. Wahrscheinlich sogar in der Reihenfolge. Aber auch, wenn ich mich doch ziemlich nach Sally sehnte, irgendeine Abteilung im hintersten Winkel meines Kopfes versuchte mir einzubläuen, dass dies gegen meine Prinzipien ginge.
Welche Prinzipien? fragte ich mich gerade, als meine diabolischen Kopfschmerzen erneut damit begangen, hinter meiner Stirn Pogo zu tanzen. Ich massierte mir die Schläfen und kam dabei nicht umhin, Sallys stechenden Seitenblick zu bemerken.
Vielleicht hätten wir nie zusammenziehen sollen. Sicher, wir liebten uns. Aber diese Wohnung, pardon, dieses Rattennest spottet schlicht jeder Beschreibung. Der Vergleich mit einem Pappkarton im New Yorker Ghetto drängt sich geradezu auf, mit dem einzigen Unterschied, dass der Pappkarton wenigstens noch eine kuschelig-warm brennende Mülltonne vorweisen kann.
Nun ja, mehr kann man von zwei ziemlich mageren Azubigehältern wohl auch nicht erwarten. Hauptsache eigene Bude, sage ich immer.
Vorsichtig bewegte ich meine Arme, was die Schultergelenke mit einem trockenem Knacken quittierten. Wir waren gestern Abend zu der Übereinkunft gekommen, trotz allem im selben Bett zu schlafen, was in liebevoller Umarmung kein Problem darstellen mag, bei der vorsichtigen Distanz nach einem Streit allerdings schnell zu einem Balanceakt auf der Bettkante wird.
Wehmütig schielte ich auf Sallys schlanke Finger, die seit ein paar Minuten einen nervtötenden Rhythmus neben die Kaffeetasse trommelten. Wieder schlich sich der Gedanke in mein Bewusstsein, um wie viel einfacher es wäre, schlicht klein beizugeben, den Stolz zusammen mit dem Huchmut in die Besenkammer meines Kopfes zu sperren und Sally um Verzeihung zu bitten.
Wenn man es aus einem bestimmten Blickwinkel betrachtet war es sogar meine Schuld. Mit jemandem wie Sally darf man einfach keine Diskussion darüber anfangen, ob Iron Maiden oder Blind Guardian live besser sind. Erst recht nicht nach drei Runden Tequila.
Das Paradoxe daran war, dass wir beide die selbe Meinung vertreten haben, der Streit entwickelte sich einfach aus der Tatsache heraus, dass man über so etwas nicht streitet. Wenn ihr versteht, was ich meine.
Langsam aber sicher spürte ich, wie die frühmorgendliche Uhrzeit und der Stress mit Sally meine Nervenenden derartig miteinander verknoteten, dass mein Körper mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit bald ein einziger Krampf sein würde. Zu allem Überfluss meldete sich mein Magen lautstark zu Wort, was in Anbetracht des Flakesbrei in der Schüssel vor mir wahrscheinlich etwas seltsam anmutete.
In dem Moment löste sich ein Stück Putz aus der Decke, das wohl den Anschluss verpasst hatte, fiel mit einem unappetitlichen Geräusch in mein Cornkompott und begann auf der Stelle darin zu versinken, als wäre es Treibsand.
Das gab mir endgültig den Rest.
Mit fest zusammengekniffenen Augen platzte ich heraus:
„Verdammtnocheinssallysokanndasdochnichtweitergehenestutmirleidwegengesternabend-
manfängtwirklichkeinediskussionübermaidenundguardianan-duhattestvollkommenrecht-
undichnichtestutmirleidbitteverzeihmir.“
Vorsichtig blinzelte ich mit einem Auge, um dem Kanonenschlag von Sallys Zorn mutig entgegen zu blicken.
„In Ordnung“, sagte sie, den Blick auf einen langweiligen Calvin-und-Hobbes-Comic fixiert.
Ich legte die Stirn in Falten.
„In Ordnung? Das war’s? Wir hätten uns fast getrennt und das war alles?“
Sie nahm einen Schluck der blassgrauen Lorke aus ihrer Tasse und antwortete:
„Nun ja, so schlimm war es ja wirklich nicht. Wenn du die Cornflakes nicht magst, ess ich sie.“
Ich starrte sie ein paar hundert Jahre mit offenem Mund an, dann wanderte mein Blick zu der gelblichen Masse, in der mein Löffel aufrecht steckte.
„Nee, schon in Ordnung“, sagte ich und begann, mit der Seite des Löffels eine Scheibe aus der Pampe zu schneiden.

1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne (keine Wertung bisher)
Loading ... Loading …