Ich Nicht

„Guten Tag, die Fahrausweise bitte“, schrillt der nervtötende Sopran der Schaffnerin durch das Abteil.
Routiniert fährt meine Hand in die rechte äußere Manteltasche und erst die Tatsache, dass sie dort statt des erwarteten Portemonnaies nur die zerpflückten Überreste eines Taschentuches ans Tageslicht fördert, lässt mich nicht nur von meiner Lektüre aufblicken, sondern vielmehr in blinde Panik geraten.
Unter der unverrückbaren Deadline, die mir die uniformierten und unaufhörlich näher kommenden Lackschuhe der Bahnbeamten auferlegen, durchwühlen meine Hände frenetisch den kläglichen Inhalt meines Rucksacks und anschließend sämtliche Taschen meiner Hose, bis sie dann letztendlich doch die gesuchte Geldbörse in der linken statt der rechten Manteltasche finden und so das süffisante Lächeln der Zugbegleiterin zum Ersterben bringen.
Nun meinerseits gönnerhaft lächelnd präsentiere ich ihr meine Brieftasche, öffne sie betont und genießerisch langsam und bekomme einen durchaus berechtigten Schlag, als ich meine Fahrkarte nicht finden kann.
„Grade war sie aber noch…“, beginne ich und meine fast, ihr unterdrücktes Lachen zu hören.
„Aber sicher war sie das. Können sie sich ausweisen?“
„Natürlich, hier ist…“, fange ich noch einmal an, und wieder komme ich nicht weiter, denn was meiner Meinung nach mein Ausweis hätte sein sollen, erweckt nun eher den Anschein eines laminierten Stücks Pappe. Kein Name, keine Anschrift, kein Lichtbild, die einzige Ähnlichkeit mit einem Personalausweis bestehend aus der leicht dunklen Fläche, an der normalerweise mein Konterfei hätten prangern sollen.
Angesichts meiner zweifelsohne völlig perplexen Mimik schien die Schaffnerin dann doch so etwas wie Mitleid zu entwickeln, als sie sagte:
„Na ja, haben Sie denn normalerweise einen gültigen Fahrausweis?“
„Natürlich, natürlich, ich habe ein Monatsticket“, greife ich nach dem plötzlich auftauchendem Strohhalm.
„Dann will ich das noch mal durchgehen lassen. Ich notier’ mir einfach Ihre Anschrift und glaub’ Ihnen mal, dass Sie Ihr Ticket in der Zentrale nachzeigen.“
Nachdem ich ihr rund zwei Dutzend Mal meinen innigsten Dank versicherte und sie mich an meiner Station schon mehr oder minder hinauskomplimentieren musste, stehe ich nun, immer noch in einem diffusem Zustand aus Verwirrung und Selbstzweifel, am heimatlichem Bahnhof und mache mir Gedanken.
Auf der Hinfahrt hatte man mich kontrolliert, dessen zumindest war ich sicher. Meine Fahrkarte befand sich zu diesem Zeitpunkt in meiner Geldbörse und selbige in meiner rechten äußeren Manteltasche.
Ich beschließe, den Gedanken sowie das eben Erlebte erst einmal zurückzustellen und zu Hause bei einer heißen Tasse Tee weiter darüber zu grübeln, kann aber gerade noch meine Hand vom routinierten Herbeiwinken eines Taxis abhalten.
Ein panischer Griff in mein Portemonnaie bestätigt meine Paranoia: Auch meine Scheckkarte, mit der ich zweifelsohne hätte bezahlen wollen, und die mich wohl zweifelsohne in eine unangenehme Diskussion mit dem Taxifahrer verwickelt hätte, strahlt mich in jungfräulichem Weiß an. Der kleine Chip sitzt genau dort, wo man ihn vermutet hätte, aber weder mein Name, noch andere Merkmale, mit denen ich mich hätte ausweisen können, sind auffindbar. Lediglich das Logo meiner Bank thront in der linken oberen Ecke und scheint mich hämisch anzugrinsen.
Seufzend schultere ich meinen Koffer und schicke mich an, den Weg nach Hause zu Fuß anzutreten.
Den Telefonhörer fest in der Hand laufe ich unruhig in meiner Wohnung auf und ab und verfluche innerlich das monotone Klopfen des Freizeichens.
Auf dem Wohnzimmertisch ausgebreitet liegen diverse Formulare, private Korrespondenzen, Mitgliedskarten und dergleichen mehr, alle in ihrer Art ganz normal anzusehen, bis auf das feine Detail, dass mein Name auf keinem erscheint, ganz, als hätte jemand eine unwichtige Kleinigkeit vergessen und sich dann nicht mehr darum gekümmert.
Endlich nimmt sie ab.
„Hallo?“ fragt meine Freundin, die Stimme wie gewohnt seltsam verzerrt und scheinbar körperlos durch die verfremdende Wirkung der Leitung.
„Ahm, äh, ja, äh, hallo, ich bin’s“, bringe ich mühsam hervor. Jetzt, wo die Verbindung besteht, kommt mir der Versuch, ihr meine Situation zu erläutern, wie Kämpfen gegen Windmühlen vor. „Folgendes: Auf meinem Perso steht mein Name nicht mehr.“
Ich könnte mich ohrfeigen für diese Aussage.
Eine Weile herrscht diese spezielle, nur vom statischen Rauschen der Leitung unterbrochene Stille, dann sagt sie gedehnt:
„Tut mir leid, ich weiß jetzt auf Anhieb nicht, wer…?“
„Ich bin’s? Dein Freund?“, wiederhole ich.
Sie gibt ein nachdenkliches Geräusch von sich, doch dann scheint sie sich zu erinnern:
„Ach, mein fester Freund, richtig, jaja, klar. Was sagst du, dein Name steht nicht auf deinem Personalausweis?“
„Genau“, bekräftige ich und drehe eine Rabattkarte zwischen meinen Fingern hin und her, als müsse ich mich selbst noch einmal davon überzeugen. „Nicht auf dem Personalausweis, nicht auf der Fahrkarte, nicht auf der Scheckkarte…“ Eine merkwürdige Aufzählung.
„Warte“, sagt sie. „Da war irgendwas…richtig! Du existierst nicht mehr, hast du daran schon gedacht?“
„Mmmmmm“, mache ich und wechsle den Hörer in die andere Hand. „Bisher nicht.“
„Dann wird es das bestimmt sein. Ich würd’ an deiner Stelle mal beim zuständigen Amt anrufen.“
„Woran liegt denn so was?“ versuche ich ungeschickt vom Thema abzulenken.
„Pffff“, macht sie durch den Telefonhörer, und ich meine fast, sie vage gestikulieren zu sehen. „Das hat ganz unterschiedliche Gründe. Aber keine Angst, das hat schon seine Richtigkeit!“
„Mmmmmm“, mache ich schon wieder, weil mir schlicht nichts besseres einfällt. Während sie noch ein wenig über für mich belangloses Zeug lamentiert, klemme ich mir den Hörer unters Kinn und wühle in einer Schublade mit alten Fotos. Während ich mich noch wundere, auf wie wenig Bildern ich tatsächlich abgebildet bin, fällt mir eins in die Hände, das von mir und meiner Freundin geschossen wurde.
Es zeigt den Hafen einer kleinen Stadt an der Nordsee und uns beide, wie wir uns liebevoll umarmen. Bis auf die Kleinigkeit, dass ich schlicht nicht auf dem Bild zu sehen bin. Meine Freundin hält die Arme um überhaupt Nichts geschlossen und lehnt ihren Kopf zärtlich an nicht das Geringste.
Ohne noch die mindeste Zeit an ein Wort des Abschiedes zu verschwenden lege ich auf, schmeiße die Fotos mit Elan durch die Wohnung und stapfe aus der Tür.
Das ist zuviel. Ich bin sauer.
Die riesige Halle mit der hohen Decke erzeugt ein schallendes Echo meiner entschlossenen Schritte als ich mir den Weg an den Schalter bahne und hin und wieder ein paar störrische Menschen aus der Bahn schiebe. Lautes Protestgemurmel wird hinter mir laut, von mir allerdings geflissentlich ignoriert.
Mit der Wut der Gerechten hämmere ich meine Faust auf den Tresen des nächstbesten freien Schalters und bedenke den Beamten mit einem Blick, den man als Scheuermilch verwenden könnte.
Ohne sich von meiner Darbietung auch nur im Geringsten beeindrucken zu lassen, schiebt der Mann hinter der schmierigen Glasscheibe seine gleichsam dreckige Brille wieder auf die Nasenspitze, rückt den Hemdkragen unter seinem gestricktem Karopullover wieder zurecht und straft mich eine beachtliche Weile mit Ignoranz, bis er sich endlich herablässt zu sagen:
„Schönen guten Tag, was kann ich für Sie tun, Herr…?“
Wutschnaubend schmeiße ich einen ganzen Stoß kleiner Plastikkärtchen auf sein mickriges Pult und antworte: „Na ja, wenn man diesen ganzen Müll hier Glauben schenken darf, heiße ich wohl Herr Weißes Papier!“
Mit einer Engelsgeduld, die mich nur noch mehr in Rage versetzt, und ohne sich auch nur einen Deut um die immer länger werdende Schlange hinter mir zu scheren, beäugt er jede Karte einzeln, dreht sie um, hält sie schräg gegen das fahle Licht der verschmutzten Lampen.
Kurz bevor ich endgültig die Beherrschung verliere, öffnet er quälend langsam den Mund und fragt mit einer Stimme wie die Kontinentalverschiebung:
„Aber wie heißen Sie denn nun? Sonst kann ich doch nicht in den Akten nachsehen.“
„Kant“, presse ich widerwillig zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, woraufhin er in die Weiten des hinter ihm liegenden Archivs verschwindet und alsbald auch hinter einem kleinem Schrank außer Sichtweite gerät.
Als er wieder auftaucht haben nachdenkliche Falten sein Gesicht zerfurcht. Er wuchtet einen ganzen Berg von Akten auf den kleinen Tisch hinter der Glasplatte, welcher dadurch bedrohlich schwankt, und schaut mich dann irritiert an. Immer noch zweifelnd hebt er die Brillengläser ein Stück und mustert mich weiter eingehend, bis ich mir schon fast vorkomme wie ein Konzert der Rolling Stones.
„Es tut mir schrecklich leid“, sagt er schließlich seufzend. „Aber wir scheinen Sie nicht in unseren Akten zu haben.“ Wie zum Beweis vollführt er eine ausholende Geste über den Aktenberg.
„Und? Das heißt?“ frage ich ungeduldig.
Betont langsam faltet er die Hände, räuspert sich geräuschvoll, blickt mir dann tief in die Augen, und antwortet lächelnd:
„Relativ einfach. Sie existieren nicht.“
In diesem Moment wird in mir ein Schalter umgelegt. Erstaunt ziehe ich die Brauen hoch. Meine Freundin scheint Recht behalten zu haben, ich habe tatsächlich aufgehört zu sein. Ebenso driften meine Wut und meine Aggressionen in die Nichtexistenz ab, und ich erwische mich sogar dabei, das breite Grinsen meines Gegenübers in glückseliger Zufriedenheit zu erwidern.
Eine seltsame Erfüllung fordert ihren Platz in mir, ein absurdes Wohlgefallen, eine wunschlose Negierung negativer Empfindungen, welche ich bis dato nicht für möglich gehalten hätte.
Wohlig lächelnd und mit der Welt im Allgemeinem in Einklang löse ich mich mit einem genussvollen Puff in einem Logikwölkchen auf. Während die letzten, leicht surrealitätsfarbenen Dampfreste meiner Existenz von der klobig ratternden Klimaanlage auf dem Weg gen Decke zerstreut werden, umfasst mich eine fast irrationale Liebe zu dem in der Ferne langsam schrumpfenden Wust von Akten, notdürftig in Schränken verbarrikadiert, zu all dem Verwaltungsaufwand, zu allen Beamten, die darüber wachen wie über unschätzbare Reichtümer.
Kurz drängt sich mir der Gedanke auf, dass ich aufgrund des jähen Endes meines Seins ein wenig Furcht, wenigstens etwas Trauer hätte empfinden müssen, doch alles, was in mir herrscht, ist friedvolle Sorglosigkeit und eine nirvanaeske Abwesenheit aller Sorgen.
Mit meinem Verstand löst sich gemächlich auch der letzte Rest meiner menschlichen Existenz in Wohlgefallen auf und ich freue mich aus tiefster Seele, dass ich nicht mehr bin.

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