Neu hier?

Minnie und die Kunst

„Minnie“, antwortete sie und schnippte die Spitze ihrer Zigarette in den Aschenbescher. Der Rest Glut erstarb mit einem traurigen Zischen.
Während ich mich vorstellte, musterte ich sie. Ich musterte ihre langen Fingernägel, welche die Zigarette umschmeichelten, ich musterte ihre dezent geschminkten Wimpern, ich musterte die feinen Härchen auf ihrem Unterarm, ich musterte ihre komplette Gestalt von Kopf bis Fuß und musste mir anschließend eingestehen, dass ich nichts über diese Frau wusste, gar nichts über sie wissen konnte.
Minnie war nicht der Typ Frau, den man kennen lernt.
Alles an dem was sie sagt, tut, denkt, ist, gibt einem Rätsel auf, ihre komplette Erscheinung schreit danach, hinterfragt zu werden, sogar ihre Haltung: Wie sie leger da sitzt, ein Bein über das andere geschlagen, die Arme locker eingeknickt, der Rücken ein Bogen, ruft unbewusst den Gedanken an ein Fragezeichen hervor.
Ich hatte das Gefühl, das lockere Gespräch, das wir gerade führten, noch bis zum Tag des Jüngsten Gerichts dehnen zu können, doch es wäre müßig. Ihren Namen zu erfragen war ein Kunststück, das mir erst nach fast einer halben Stunde mühsamer Unterhaltung mit ihr gelungen war.
Sie schien meiner Präsenz nicht abgeneigt zu sein, doch es war klar, dass sie Wert darauf legte, selbst den Ton anzugeben. Sie antwortete nicht gerne auf Fragen, das war offenkundig, doch wenn ich Glück hatte, erhaschte ich ein flüchtiges, herabwürdigendes Lächeln oder ein knappes Nicken, mehr nicht. Sie fragte mich nichts, sie machte keine Anmerkung, Ausschweifungen oder Witzchen.
Ich ließ ein paar Sekunden verstreichen, dann wagte ich den nächsten Vorstoß.
„Zeichnen Sie?“ fragte ich und deutete auf das Skizzenbuch, welches aufgeschlagen auf dem Platz neben ihr lag.
Unvermittelt schlug sie es zu, der plötzliche Knall brachte ein paar Menschen dazu, sich nach uns umzudrehen.
„Wer nicht“, antwortete sie und setzte wieder ein Lächeln auf.
Den Punkt hatte sie gewonnen. Das Cafe am alten Bauturm war so etwas wie ein Nest für Künstler und solche, die sich gerne dafür hielten. Wie üblich war es hemmungslos überfüllt, da man im Umkreis von ein paar Dutzend Kilometern um die Küste herum keinen Maler, Zeichner, Autor, Schauspieler oder sonst wie gearteten Schöpfergeist fand, der nicht zumindest dann und wann im Bauturm einkehrte, um einen Chai Latte mit weißer Mandelschokolade oder ein ähnlich abenteuerliches Getränk zu sich zu nehmen.
Insofern verwunderte es mich eigentlich umso mehr, dass ich den Platz neben Minnie noch frei gefunden hatte.
Vielleicht war es das seltsame Gefühl am äußersten Rand des Hinterkopfes, welches sich einzustellen schien, wenn man ihre smaragdgrünen Augen zu lange fixierte.
Als ich wieder sprach, vermied ich es, mein spärlich gefülltes Notizbuch in der Innentasche zu erwähnen.
„Wohnen Sie in der Gegend?“
Sie nickte und nahm ein Schluck von ihrem pechschwarzen Kaffee. „Kennen Sie die Farm der Montgomiers?“
Ich bejahte ungläubig. „Sie wohnen in der Farm? Ich dachte, sie sei unbewohnt.“
Die Familie Montgomier war jedem im Dorf ein Begriff, ein schrulliger alter Farmer und seine gleichsam verschrobene Frau, welche längst im Altenheim ihren goldenen Herbst fristeten. Mich wunderte daran nur, dass die Scheune vor Altersschwäche eigentlich kaum noch hätte stehen dürfen.
„Nein, ist sie nicht.“
„Sie schien mir etwas zu brüchig, als dass jemand darin wohnen könnte. Bitte verstehen Sie das nicht falsch.“
„Tue ich nicht.“
„Und ich dachte, dass…“ Ich brach ab.
„Was dachten Sie?“ hakte sie mit Raubtiergrinsen nach.
„Wie soll ich sagen…ich hätte die Scheune nicht mit jemandem wie Ihnen in Verbindung gebracht. Irgendwie hätte ich Sie eher in einem, wie soll ich sagen…“
„..normalen Haus vermutet?“ fiel sie mir ins Wort.
Gegen meinen Willen stahl sich ein Lächeln auf mein Gesicht. „So muss man es wohl ausdrücken, ja. Welche Geschichte steckt denn hinter Scheune, wenn ich so indiskret sein darf?“
„Da gibt es nichts groß zu erzählen. Ich bin Pragmatikerin. Ich brauchte Platz, und die Scheune hatte welchen zu bieten. Außerdem waren die Montgomiers mit einem lächerlichen Mietbetrag zufrieden.“
Sie zuckte die grazilen Schultern und nahm einen weiteren Zug ihrer Zigarette. Ich konnte nicht anders, ich musste wie ein verliebter Jüngling auf ihre dunklen, dünnen Lippen starren, als sie den Rauch Richtung Decke bliesen.
„Sie brauchen den Platz für Ihre Gemälde, nehme ich an?“
Minnie nickte.
Mein Magen verkrampfte sich. Ich hatte es geschafft, das Gespräch in eine Sackgasse zu manövrieren, und jetzt konnte ich nichts tun, als da zu sitzen und zuzusehen, wie sie, scheinbar gänzlich uninteressiert an meiner Gesellschaft, die Augen abwandte und sie ziellos durch den Raum wandern ließ.
Wieder fiel mir das Skizzenbuch auf.
Ich musterte den Kunstledereinband. Irgendetwas daran kam mir merkwürdig vor, aber ich konnte den Finger nicht drauf legen. Ich hätte auch nicht beschreiben können, was ich beim Anblick des kleinen Buches fühlte, es war eigentlich auch weniger ein Gefühl, es war noch nicht mal eine Ahnung, es war nur ein Windhauch einer Idee, so filigran und unstet, dass ich bereits im nächsten Moment dachte, meine Einbildung hätte mir einen Streich gespielt.
Was ich hingegen umso mehr spürte, war rasende Neugier. Ich wollte unbedingt wissen, welchen Inhalt es barg, wollte es aufschlagen und meine Finger durch die dünnen Seiten wandern lassen, auf der Suche nach seinem sonderbaren Geheimnis.
Minnies zarte Stimme ließ mich aus meinen Gedanken schrecken.
„Warum besuchen Sie mich nicht einmal?“ fragte sie. Der Tonfall ließ keinen Zweifel daran, dass dies keine Frage gewesen war. Sie zog eine scharf konturierte Augenbraue nach oben, während ich nach Worten rang. „Heute abend, siebzehn Uhr“, fuhr sie unbeirrt fort, ohne auf mein Zögern Rücksicht zu nehmen. „Den Weg dürften Sie ja noch finden, oder? Ansonsten fragen Sie sich einfach durch, es ist das einzige hässliche, baufällige Gebäude in der Gegend.“
Ein Lächeln verzerrte ihre Lippen und in ihre Augen trat für einen unvorstellbar kurzen Moment ein höhnischer Funke, der mir den Schweiß kalt ausbrechen ließ.
Ich ließ die Unterhaltung noch ein wenig vor sich hin plätschern, mehr von mir gelenkt als von ihr, natürlich, bis Minnie ihren Kaffee ausgetrunken, ihre Tasse ohne das geringste Geräusch abgestellt und sich, nicht ohne eine ironisch klingende Entschuldigung auf den Lippen, verabschiedet hatte.
Nachdem ich am Tisch alleine war, fuhr ich mir mit einer Hand durch die klammen Haare. Ich ließ es zu, dass das allgemein vorherrschende, bedeutungslose Geplauder der anderen Gäste mich einhüllte und versuchte, meinen Körper am Zittern zu hindern. Ich fingerte eine Zigarette aus der Tasche und zündete sie an. Den ersten klaren Gedanken wagte ich erst, nachdem ich den Rauch ein paar Mal gierig inhaliert und durch die Nase ausgestoßen hatte.
Zögerlich erst, dann etwas nachdrücklicher rief ich mir Minnies Gesicht in Erinnerung. Es fiel mir unglaublich schwer, mich an ihre Züge zu erinnern, in meiner Vorstellung zerflossen die Linien ineinander, ihre ganze Erscheinung war ein einzelnes, amorphes Gebilde, das weniger Form zu haben schien als Morgentau oder Nebelschwaden.
Nach und nach entglitt mir die Erinnung an sie, bis ich das Gefühl hatte, im nächsten Moment vielleicht schon nicht mehr zu wissen, welche Farbe ihre Haare hatten.
Das einzige, was sich felsenfest verankert hatte, war, dass sie wahrscheinlich die attraktivste Frau sein musste, der ich jemals begegnet war. Und diese Schönheit rief in mir nicht nur rasende Begierde hervor, nein, die Emotion, die sich durch meine Eingeweide fraß und mich zum Zittern brachte, war eine andere.
Die Erinnerung an Minnies schlanke Figur rührte vor allem ein Gefühl in mir an: feuchte, kalte Beklemmung.

Ich hatte lange mit mir gehadert, ob ich Minnies seltsam geartete Einladung annehmen sollte, doch nach mehreren Tassen starkem, schwarzen Kaffee hatte ich mir doch eingestehen müssen, dass meine Neugier mir sowieso keine Ruhe lassen würde.
Trotz allem zögerte ich, als meine Hand die unfassbar rostige Klinke des riesigen Scheunentors umfasste. Noch war es nicht zu spät, versuchte ich mir einzureden. Doch leider war es das.
Mit einem Ruck öffnete ich die Tür und nahm die mir entgegenströmende Luft auf. Sie roch nach der Ewigkeit, nach einem uralten Leben aus Stein und Stroh, sie roch, wie man es von einer Scheune erwarten würde. Außerdem mischten sich ein paar Nuancen beißender, stechender Moschus mit hinzu: Ölfarbe und Terpentin, zweifellos. Die dritte Komponente jedoch vermochte ich nicht zu identifizieren. Ein wenig süßlich, verdorbenes Obst vielleicht? „Es ist offen!“
Minnies tiefe Stimme riss mich aus meinen Gedanken. Sie hatte das Wort direkt an mich gerichtet, und wieder war es eine Aufforderung gewesen. Überflüssig, noch dazu, schließlich hatte sie hören müssen, wie ich die Tür geöffnet hatte.
Ich trat über die Schwelle und hinein in dämmriges Zwielicht. Die Tür führte ohne Umschweife direkt in die Scheune, und wenn sie von außen schon baufällig und fadenscheinig anmutete, so erweckte sie von innen den Eindruck, jeden Besucher ohne Erbarmen in ein tiefes Grab zu reißen, wenn er den Unmut der Gastgeberin erregte. Die Stützbalken waren morsch, der Stein von Moos durchwachsen und das Stroh des Daches an vielen Stellen löchrig, so dass das rötliche Licht der Abendsonne hindurch brach.
„Hätte nicht gedacht, dass sie kommen.“
Minnie trat aus einem kleinen Seitenraum, den sie anscheinend als eine Art Küche hergerichtet hatte. Das Kleid hatte seinen Platz mit einer schwarzen Jeans, einem weißen Kittel und einem kurzen Top getauscht. Sie sah hinreißend aus.
„Hätte nicht gedacht, dass sie da sind“, gab ich ziemlich lahm zurück.
„Nun hören Sie mal, ich wohne schließlich hier. Hallo erstmal.“
Sie trat vor mich, und einen Moment lang hätte ich ihr beinahe die Hand entgegen gestreckt, doch sie beugte sich vor und umarmte mich. Mein Körper erstarrte. Die Augen weit aufgerissen, erwiderte ich ihre Umarmung ungelenk und nahm dabei ihren Duft in mich auf. Sie trug kein Parfüm, ihr sanfter Körpergeruch erinnerte mich an eine Sommernacht auf dem Feld. Ich musste zweimal schlucken, bevor ich das Gespräch wieder aufnehmen konnte.
„Störe ich?“
„Hm?“
„Nun ja“, ich gestikulierte in Richtung des Pinsels, den sie in der Hand hielt. „Waren Sie nicht gerade mit malen beschäftigt?“
„Das Licht wird um diese Uhrzeit schlechte. Ich wollte gerade aufräumen.“ Sie warf auf einen Blick auf die schlichte Uhr, die sie auf der Innenseite des Handgelenks trug. „Sie sind zu früh.“
Ich lief feuerrot an. „Ich habe Ihnen Blumen mitgebracht“, sagte ich und hielt ihr den Strauß entgegen.
„Das ist zwar keine Antwort, aber selbstredend freue ich mich trotzdem.“ Sie machte keinen Hehl daraus, dass das eine glatte Lüge war. „Ich stelle sie kurz ins Wasser.“
Während sie wieder in ihrer Küche verschwand, musterte ich das Innenleben der Scheune etwas eingehender. Der Anblick hatte etwas gespenstisches an sich. Natürlich sah man noch, dass es sich um eine Scheune handelte, hier und da lag Stroh aufgetürmt oder Arbeitsutensilien wie Mistgabeln oder ähnliches verteilt, doch zwischendurch standen vereinzelt Staffeleien wie monumentale Mahnmale aus vergessenen Tagen und schienen mich mit ihren zyklopischen Augen böse zu mustern. Merkwürdig fand ich außerdem, dass jedes Bild mit grobem Leinen verhangen war, als hätte sie etwas verbotenes gemalt. Jedes einzelne, bis auf eines.
„Woran haben Sie gearbeitet?“
„Ich wäre Ihnen dankbar wenn Sie es sich nicht ansehen würden“, kam ihre Stimme aus der Küche. Nichts hasse ich mehr als unvollendete Arbeit.“
Widerwillig wandte ich den Blick von der Leinwand ab, die mich magisch anzuziehen schien. Es kam mir vor, als wolle mich eine Stimme in meinem Kopf auf irgendetwas hinweisen, doch es war, als spräche diese Stimme in einer Sprache, die vor Hundertausend Jahren mit den letzten Vertretern einer zyklopischen Art ausgestorben sei, und ich verstand keinen der Hinweise.
„Wie sieht es mit einem der anderen Bilder aus?“ rief ich in Richtung der Küche. „Darf ich mir davon welche ansehen?“
„Na, na”, tadelte sie, und ich erstarrte zu Eis, als ich sie plötzlich hinter mir hörte. Wie lange hatte sie dort schon gestanden? Sie hatte den Strauß Blumen, die ich ihr als geistloses Geschenk überreicht hatte, gegen eine Flasche Rotwein eingetauscht. Ich wollte einen Blick auf das Ettikett erhaschen, stellte aber fest, dass er gar keine Bezeichnung trug. “Sie sind ja noch nicht einmal richtig angekommen. Sehen Sie sich an, Sie tragen ja sogar noch Ihren Mantel. Hängen Sie ihn doch da hinten an den Nagel. Das heißt, wenn der Künstler in Ihnen sich nicht gegen den Gedanken sträubt.”
Mir schoss das Blut feuerrot ins Gesicht. Woher zum Teufel…?
“Ach, ich bitte Sie”, sagte sie und für den Hauch eines Moments verzog ein hämisches Grinsen ihre Züge. “Sagen Sie mir bloß nicht, Sie wollten mir vormachen, Sie seien kein Künstler?”
Es schien mir überflüssig, ihr zu antworten.
“Ich wusste es sofort. Allein die Tatsache, dass Sie im Wasserturm verkehrten, hatte mir schon den ersten Anhaltspunkt gegeben. Dazu kommt Ihr gepflegtes Äußeres, das penibel gekämmte Haar und Ihre Kleidung. Geben Sie es zu, wenn ich Sie nicht aufgefordert hätte, hätten Sie Ihren Mantel am liebsten bis morgen früh anbehalten. Buchhalter wäre die andere Möglichkeit gewesen, Buchhalter oder etwas ähnliches, doch dann würden Sie mich niemals so ansehen.”
Es lief mir eiskalt über den Rücken, mühsam widerstand ich dem Drang, den Augenkontakt zu brechen. Ich konnte mich nicht entsinnen, mein Interesse an ihr derart deutlich gezeigt zu haben. Um überhaupt irgendwas zu tun, machte ich mich daran, meinen Mantel aufzuhängen.
“Sie sind kein Maler, habe ich Recht?” Fragte sie hinter meinem Rücken.
“Ja, haben Sie.”
“Die Art, wie Sie an meinen Bildern interessiert sind…das ist nicht das aufrichtige Interesse eines Kollegen, das ist die unaufhaltsame Neugier eines Kindes. Was tun Sie stattdessen?”
Ich überging die Beleidigung. “Ich bin Dichter. Oder etwas in der Art.”
“Oh, tatsächlich. Hier, trinken Sie einen Schluck.”
Ihre zarten Finger reichten mir ein Glas mit Wein, der die Farbe von geronnenem Blut trug. Ich führte es kurz an die Nase. Das Bouquet war himmlich, der Wein roch nach ewig alter Erinnerung, nach der Verheißung einer Vergangenheit, die zu kennen unser Schicksal nicht war.
“Auf die Kunst?” fragte Minnie und lächelte ein Lächeln, dass mir das erste Mal seit ich sie kennen gelernt hatte, schon fast ein wenig ehrlich vorkam.
“Auf die Kunst”, sagte ich und stieß mit ihr an. Das leise Klingen der Gläser wurde von den weiten Wänden der Scheune zurückgeworfen und klang wie ein uriges, langgezogenes Stöhnen.

Minnie ließ die letzten Tropfen des Weines in mein Glas rinnen, und für einen Moment dachte ich daran, sie davon abzuhalten. Der mächtige Bariton des Weines war mir irgendwie zu Kopf gestiegen, vielleicht lag es an der Schwüle des Sommers, der gerade über das Land zog, jedenfalls fühlten sich meine Lider unendlich schwer an, und die Scheune um mich herum schien die klaren Züge zu verlieren, es war, als wollten die steinernen Wände um mich herum schmelzen, einfach dahingehen, nur, um mich langsam und zähflüssig unter sich zu begraben und in ein obskures Grab zu reißen.
Ich musterte Minnie ein wenig. Sie war immer noch das Bild von einer Frau: ihr schulterlanges, seidig schwarzes Haar, dass ihre makellosen Ohren umspielte, die simplen, doch kunstvoll geformten Ohrringe. Ihre ungeschminkten, wunderschönen Augen schauten wach in die Welt und teilten jedem mit, dass hinter der Fassade dieser grazilen Gestalt ein ganzer Kosmos an Widersprüchen, Mysterien und uralten Geheimnissen wohnte, den sie auf einer Reise durch ein Land gesammelt haben musste, das niemals existiert hat. Minnies Anwesenheit überwältigte mich. Die Aura, die sie umgab, hüllte mich vollends ein und weckte in mir eine seltsame Mischung aus Gefühlen, die meinem Körper unmögliche Verheißungen machten. Mein Blick wanderte weiter über ihren Hals, folgte der zarten Linie ihrer Schulter und erlaubte es sich schließlich, endlich, für den vernichtend kleinen Bruchteil eines Augenblicks über ihre Brüste zu streichen.
Großer Gott…
Ich schloß die Augen und atemte tief durch. Der Schweiß stand mir auf der Stirn. Ich fühlte meinen Pulsschlag in meinem Kopf, ein dumpfes, kollossales Pochen, ein stetig wiederkehrendes, eintöniges Scharren. Minnie sagte irgendwas, aber es erreichte mich nicht. Mühsam zwang ich meine Augen auf und wollte sie etwas fragen, aber mein Mund war so dörr, dass ich meine Zunge nicht bewegen konnte, ich musste erst noch einen Schluck trinken, um überhaupt etwas sagen zu können. Eine Zigarette, dachte ich. Ich muss unbedingt rauchen.
“Entschuldigung, was haben Sie gesagt, bitte?” fragte ich unbeholfen und klopfte meine Taschen ab. Die Worte echoten durch die Scheune, wurden von den weiten Wänden zurückgeworfen und verhöhnten mich, es war eine fremde Stimme, die sie ausgesprochen hatte, kein Zweifel, meine eigene müsste ganz anders klingen. Wo waren meine verfluchten Zigaretten.
“Ich hatte gefragt”, antwortete Minnie und benutzte dabei einen Ton, den man einem unbedarften Kind gegenüber angeschlagen hätte. “Was denn wohl der Inhalt Ihrer Gedichte sei. Allerdings muss ich gestehen, dass ich schon kaum nach gewagt habe, mit einer Antwort zu rechnen.”
Sie langte in die Tasche ihrer Jeans, förderte ein Päckchen filterlose Zigaretten zutage und hielt sie mir hin. Ich nahm mir die Zeit, sie anzuzünden und mehrmals gierig zu inhalieren, bis ich es wagte, zu antworten.
“Wissen Sie”. Ich stotterte und lallte, noch bevor ich den Satz richtig angefangen hatte. Meine Güte, so betrunken konnte ich doch nicht sein, nach einer halben Flasche Wein. Hatte sie überhaupt an ihrem Glas getrunken? “Normalerweise schreibe ich über das Leben selbst. Darüber, wie die Tatsache, dass wir einem Geschlecht denkender Wesen angehören, uns selbst über unsere Vorstellung vom Dasein hinauskatapultiert, uns Flügel wachsen lässt, wissen Sie, Engelsflügel, und sie sprießen aus unserem Rücken, bis sie besudelt sind mit dem Blut, das uns an unsere irdische Existenz fesselt, und wenn sie sich endlich entfalten, in ihrer vollen, verschmierten Pracht, dann erst können wir verstehen, dass die simple Tatsache, dass wir unserem eigenen Sein bewusst sind, ausreicht, um uns ebenbürtig mit Göttern zu machen, und diese Sphäre des beschränkten Denkens verlassen lässt. Es braucht nur den richtigen Anstoß, eine außergewöhnliche Begegnung oder das rechte Wort zur rechten Zeit, ein kleines Wachrütteln, um zu verstehen, dass das, was dann durch unsere Adern fließt, der konzentrierte Schweiß von tausend Göttern ist.”
Ich hörte zu, wie mein besoffener Redeschwall langsam verhallte. Minnie zog die Augenbrauen hoch und bleib stumm. Mir war, als dächte sie wirklich darüber nach, was ich gerade gesagt hatte. Sie saß da, versunken, in ihrer Fragezeichenstellung, und schaute mich an.
“Das klingt…” setzte sie an und verstummte wieder. Idiotisch? Töricht? Irre? “Das klingt gar nicht dumm. Sie sagen, dass eine kleine, ungewöhnliche Erfahrung ausreicht, um uns, denkende, bewusste Wesen, die wir sind, transzendieren zu lassen?”
War das Interesse, was ich in ihren Augen las?
“In der Tat, davon handeln meine Gedichte. Viele von ihnen jedenfalls”
“Und was passiert danach?”
“Danach?”
“Ja. Nachdem wir aufgestiegen sind in ihr famoses Himmelreich. Wie ist es dort? Erzählen Sie mir von dieser…anderen Sphäre.”
Es fiel mir schwer, weiter zu sprechen. Es fiel mir sogar schwer, zu verstehen, was sie mich überhaupt gefragt hatte. Meine Gedanken kämpften sich widerwillig durch erkaltetes Harz, es dauerte Äonen, bis ich in der Lage war, zu antworten. Die Tatsache, dass Minnies Konturen im Dämmerlicht des sterbenden Tages, nur durchbrochen vom unsteten Flackern einer Kerze, andauernd mit dem Hintergrund verschmolzen, verschwommen, bis ich nur noch ihre smaragdgrünen Augen tanzen sah wie zwei Tore in eine andere Welt, war dabei nicht gerade hilfreich.
“Um ehrlich zu sein, das mag ein wenig konfus klingen. Doch ich glaube, dass wir unsere körperliche Hülle dafür vollends abstreifen müssen, verstehen Sie, und das gelingt uns nur, wenn wir sie willentlich hinter uns lassen, durch unsere eigene Entscheidung. Wenn wir einmal angekommen sind, zählt nur die Brillianz und die Konsitenz unserer eigenen Gedanken, wir verschmelzen mit dem Selbst, das bisher unter einer Decke aus Gefühlen und körperlichen Bedürfnissen begraben lag, und werden zu Wesenheiten, die aus purer Gedankenkraft bestehen. Es ist nicht mehr von Bedeutung, was war, oder was ist, oder was sein wird, denn das Gefühl, die Idee der Zeit, haben wir mit unserem alternden, verfallenden Körper hinter uns gelassen. Nun sind wir frei, und uns steht das Wissen der gesamten Welt zur Verfügung, da wir nach belieben mit anderen, freien Wesenheiten verschmelzen und uns austauschen können.”
Ich ließ mich in meinem Stuhl zurückfallen und leerte mein Glas. Das hier konnte nicht gut ausgehen. Ich sollte nach Hause gehen. Einfach aufstehen und gehen, ohne ein weiteres Wort.
“Mir gefällt der Gedanke. Ich teile ihn nicht, absolut nicht. Doch er gefällt mir trotzdem. Ich käme nie auf die Idee, ihn in einem Bild zu verarbeiten, doch warum sollte ich Ihnen Ihre Meinung nicht lassen? Ich mag den Gedanken von Wesen, die sich nur durch ihre Erinnerung und Ihren Geist verständigen, das habe ich doch richtig verstanden, nicht wahr?”
“Ganz recht, so habe ich es gemeint.” Der Satz fiel ungelenk von meinen Lippen, als wäre er ein einziges Wort.
Minnie nahm einen tiefen Schluck aus ihrem Glas. Dann sah sie mir fest in die Augen, mit den beiden brennenden Edelsteinen, die in ihren Augenhöhlen saßen, und sagte fest:
“Meine Bilder handeln von einer recht ähnlichen Theorie.”
Es fiel mir schwer, den Sinn ihrer Worte zu begreifen, doch trotzdem schenkte es mir Mut, denn ich hatte endlich ein Thema gefunden, das sie aus der Reserve zu locken schien, sie redete nicht nur mit mir, sie hatte sogar ein Stück ihrer Machtposition willentlich aufgegeben, indem sie Interesse gezeigt und das Gespräch von sich aus fortgeführt hat. Mit einem Mal ergriff mich ein Gefühl unendlicher Vertrautheit, eine rasende Zuneigung für diese beinah mystische Person, eine tiefe Emotion, die über die bisher dominierende Beklemmung hinwegzog. Mein steifer Körper entspannte sich ein wenig.
Minnie, oh Minnie, du schwarze Göttin, du rätselhafter, unnahbarer Engel, du Botschafter aus längst vergessenen Reichen. Ich wünschte mir, ich könnte ewig mit dir reden, berauscht wie ich bin, um mit dir zusammen das Geheimnis des Seins an sich zu entfesseln.
“Allerdings gehe ich den Gedanken von einer etwas anderen Seite an”, sagte sie und hielt weiterhin meinen Blick, um sicherzugehen, dass ich ihr folgte. “Das menschliche Leben ist nichts wert, soweit stimme ich mit Ihnen überein, wir sind nichts weiter als eine körperliche Hülle, bis zum Rand angefüllt mit einer widerwärtigen Mischung aus törichten, hormongesteuerten Gefühlen und dem animalischen Trieb, der aus unseren Grundbedürfnissen erwächst. Der freie Wille, dessen wir uns rühmen, ist unwichtig, unbedeutend, ein Tropfen Ambrosia in einen Teich aus Exkrementen. Ein Mensch mehr oder weniger ist nicht von Bedeutung, selbst wenn wir etwas bewegen können in unserem Leben, etwas leisten, wie wir sagen, große Kunst schaffen, vielleicht ein großes Gedicht schreiben, darüber, dass uns Engelsflügel wachsen, selbst wenn wir einen Unterschied machen in der kümmerlichen Existenz, die uns beschert wurde, so ist es doch nur ein Unterschied, der niemanden, absolut niemanden mehr kümmert, sobald wir unseren letzten Atemzug getan haben. Insofern verblasst all unser Streben gegenüber der Existenz, die wir führen werden, wenn unsere sterbliche Hülle verrottend unter der Erde lebt.”
Ich schluckte schwer. “Dann sind Sie ja tatsächlich meiner Meinung.”
“Nein”, sagte sie, und beugte sich üebr den Tisch nach vorne. “Das bin ich sogar ganz und gar nicht. Sie haben nichts, aber auch überhaupt nichts von dem verstanden, was ich gerade gesagt habe, oder? Sie verspottungswürdiger Witz eines Künstlers.”
“Das habe ich wohl, ich…”
“Wenn Sie es verstanden hätten, hätten Sie anders reagiert, verstecken Sie sich nicht hinter ihrem kümmerlichen Deckmantel der Intellektualität, überlegen Sie sich lieber mal, wen Sie hier überhaupt für dumm verkaufen.”
Ich wollte etwas antworten, doch sie fiel mir neuerdings ins Wort.
“Sie haben nicht mal verstanden, wo der Unterschied zwischen unseren Meinungen liegt, habe ich recht? Sie glorifizieren den freien Willen der Menschen, Sie sind der Meinung, dass unsere körperliche Hülle eine Tortur darstellt, eine Bürde, die wir mit unserem Tod abstreifen, dass das Leben, wie Sie und ich es hier führen, nötig ist, um unseren freien, ungezügelten Verstand auf das vorzubereiten, was da kommen mag, ein Leben in Freiheit in dem er umherziehen kann wie ein Falke am Himmel. Doch wissen Sie was? Das ist schlicht und einfach nicht der Fall. Genau das Gegenteil trifft zu: Das stoffliche Leben, das wir im Moment führen, sollten wir genießen, so lange wir können, denn sobald wir unsere körperliche Hülle abgestreift haben, haben wir den letzten Rest unserer Existenz hinter uns gelassen, der überhaupt noch von Bedeutung war, sobald nur noch unser Verstand existiert, gibt es nichts mehr, absolut nichts mehr, was unsere Existenz mehr wert macht als der Dreck unter den Fingernägeln derer, die darauf warten, dass wir endlich sterben. Und ich sage Ihnen noch etwas.”
Sie beugte sich über den Tisch nach vorne und durchbohrte mich mit ihren Blicken. Ich hatte mit einem Mal furchtbare Angst, tief verwurzelte Angst, die mir die Knochen durchsägen wollte. Ich lehnte mich so weit wie möglich in meinem Stuhl zurück und klammerte mich an meiner Zigarette fest. Als sie wieder sprach, klang ihre Stimme so tief und durchdringend, dass ich das Gefühl hatte, ihre Worte würden nicht über meine Ohren, sondern durch ein viel sensibleres Organ aufgenommen werden, vielleicht sprach sie auch direkt in mein Gehirn. Ihre Stimme klang tief und mahnend.
“Ich weiß mehr als sie”, sagte sie, kaum mehr als ein Flüstern. “Ich habe mehr als eine dunkle Ahnung von dem, was uns erwartet, wenn wir sterben. Und es wird nicht angenehm, soviel sei verraten. Hören Sie auf, Ihre kümmerlichen Gedichte zu verfassen, denn ich sage Ihnen, sie handeln von einer Existenz, die es niemals geben wird, keiner unserer Geister wird sich in den Himmel erheben und mit anderen verschmelzen. Wenn überhaupt, dann mit denen, die sich auftun, um über uns zu gebieten, jener, die lauernd über die Erde wachen und mit ihren kollossalen Klauen erhaschen, was sie nur können. Sobald wir sterben, bleibt uns nichts mehr als ein Leben als Sklaven unter unseren Gebietern.”
Sie nahm das halbvolle Weinglas vom Tisch und leerte es in einem Zug.
“Verstehen Sie es denn immer noch nicht? Streifen Sie Ihr romantisches Gewand ab und umarmen Sie den Gedanken, dass wir unsere Zeit genießen müssen, denn alles, was folgt, wird so furchtbar, dass Ihre übelsten Alpträume nicht einmal begonnen haben, das Ausmaß zu erahnen. Mein lieber, unbedarfter Herr Dichter: Der Himmel, wie Sie sich ihn ausmalen, existiert nicht.”
Ich starrte Sie mit offenem Mund an. Mein schmerzender Verstand hatte Schwierigkeiten, zu erfassen, was sie gerade gesagt hatte. Konnte sie wirklich eine so fatalistische Einstellung zum Leben haben? Ich schaffte es nicht, diese wunderschöne Frau mit der Vorstellung eines Lebens in Knechtschaft und Folter in Verbindung zu bringen. Der Gedanke tat mir beinah körperlich weh.
Ich fühlte mich schrecklich und hatte nur noch den Wunsch, die Scheune zu verlassen. Wahrscheinlich habe ich etwas derartiges gemurmelt, doch ich schaffte es nicht einmal, von meinem Stuhl aufzustehen, denn mit einem mal schienen sich die Wände um mich herum zu drehen und zu verdichten und mir war, als würde ich den Boden unter den Füßen verlieren, als würde mich der Erdboden verschlucken und in ein Loch reißen, in dem die Gebieter, von denen sie gesprochen hatte, mir einen Vorgeschmack auf mein Leben nach dem Tod geben wollten. Ich fiel und fiel in dieses Loch, während die Farben um mich herum langsam an Intensität verloren und einem unendlich tiefem Grau wichen, dass sämtliches Leben aus meinen Adern ziehen wollte, ein riesiger, unfassbar grausamer Strudel, der aus denen bestand, die vor mir dieses Schicksal erleiden mussten, ich fiel und fiel, unendlich lange, so lange, dass die Zeit selbst ihr Leben ausgehaucht zu haben schien. Ich verlor das Gefühl, Herr über meinen Körper zu sein, wusste nicht mehr, wer ich bin, wusste nichts mehr über meine Vergangenheit, meine Erinnerungen vergingen eine nach der anderen wie welkes Herbstlaub. Plötzlich fühlte ich, dass jemand hinter mir stand, ein unangenehmes Gefühl, irgendwas strich über die feinen Härchen in meinem Nacken, und als ich mich umwandte, erblickte ich einen von ihnen und mein Herz zersprang vor eiskalter Angst. Seine mächtige, unnachgiebige Gestalt und sein unfassbar grausames Gesicht erfüllten mich mit einer Furcht, die existiert hatte, lange bevor es unsere Welt oder auch nur die Zeit selbst gegeben hatte, und er streckte eine Hand aus, fasste durch meinen Kopf hindurch und legte seine kollossalen Finger direkt in meinen Geist, als er ein Wort sagte, ein einziges Wort in einer mir fremdem Sprache. Ich verstand es nicht, doch nachdem ich es gehört hatte, fühlte ich mich, als sei mein Körper nur noch eine leere Hülle, als hätte dieses eine Wort mich entleert, mir den Willen zu leben genommen und mir unmissverständlich klar gemacht, dass ich unbedeutend bin, dass mich ein einziger Windstoß zerreißen und ungeschehen machen kann. Ich fühlte mich, als würde ich schwinden, an Substanz verlieren, als würde mein Körper langsam verblassen vor dem Hintergrund einer Welt, die ich nicht verstand, und dann sah ich ihre Rasse. Noch bevor sich der erste Eindruck in meinem Gehirn manifestieren konnte, wachte ich auf.
Sobald mein Verstand mit unangenehmer Wucht zurück in meinen Körper gekehrt war, sah ich mich hektisch um, doch ich saß immer noch an Minnies einfachem Holztisch. Mir war todschlecht und ich war sicher, mich übergeben zu müssen. Ich weiß nicht mehr, ob ich Minnie etwas in der Art mitgeteilt hatte, wenn ja, überging sie es schlicht.
“Was hat er Ihnen gesagt?” fragte sie, und ihr Gesicht war ein in Stein gehauenes Mahnmal, ihre sarkastische Belustigung an meiner Person war etwas schlimmerem gewichen.
Die Konturen meines Traums schwanden schon wieder und ich konnte mich nicht mehr an alles genau erinnern, zum Glück, wahrscheinlich, doch dieses eine Wort, dass mir in meinem Traum das ganze Ausmaß des Horrors vermittelt hatte, war mir immer noch präsent, es stand aus der verwaschenen Erinnerung heraus wie ein gebrochener Knochen.
Es fiel mir schwer, es zu formulieren, es schien nicht wie eines, das menschliche Zungen je formulieren sollten, und in meinem schwindenden Taumel war mir, als benützte ich nicht meine Zunge dafür, es zu sagen, sondern vielmehr einen Teil meines Verstandes, von dem ich nicht wusste, dass er existieren durfte.
Ich wiederholte das Wort, so gut ich konnte. Selbst aus meinem eigenen Mund jagte es mir namenlose Angst ein. Ich wollte es vergessen und nie wieder aussprechen.
Doch es schien in Minnie eine Saite zum Schwingen zu bringen, denn ihr Gesicht verzog sich, ich dachte im ersten Moment, vor Schmerz, doch nach einer Weile wurde mir klar, dass sie lächelte. Was aus ihrem Lächeln sprach, war keine Belustigung mehr, sondern klares, unverhohlenes Glück.
Ich spürte, wie sich die Galle meinen Körper hochkämpfte und schluckte schwer und schmerzhaft.
“Dann wissen Sie es jetzt”, stellte sie fest.
“Sie sind verrückt”, sagte ich und wandte mich angewidert von ihr ab. Ich stand auf, hielt mich an der Stuhllehne fest, während die rasenden Schmerzen in meinen Kopf zurückkehrten und machte ein paar torkelnde Schritte, bevor ich hinfiel und schwer und schmerzhaft auf den Boden aufschlug. Einem kleinen, nur zu menschlichen Teil meines Verstandes, war das in höchstem Maße peinlich, und ich wollte mich umdrehen und mich bei Minnie entschuldigen, ein idiotischer, lächerlicher Gedanke, ich musste lachen, und als ich meinen Körper mühsam wieder unter meine Gewalt gezwungen hatte, stand Minnie vor mir, in ihrer ganzen, morbiden Pracht.
Ich wollte etwas sagen, doch bevor ich auch nur den nächsten bewussten Gedanken gefasst hatte, küsste sie mich.
Ihr Geschmack kribbelte auf meinen Lippen, ein feines, unnahbares Gefühl, doch vielmehr spürte ich ihre Gegenwart in meinem Körper, es war eine warme Empfindung, die in meiner Mitte explodierte und sich langsam ausbreitete, meine Muskeln zum Erzittern brachte, es war mehr als nur ein bloßer Kuss, ich schloß meine weit aufgerissenen Augen langsam und spürte meinen Widerstand vergehen, als sie ihre Hand in mein Haar grub und sich enger an mich zog, sie war überwältigend und weich, ich nahm ihren Geruch in mich auf, durch den Schleier des Weines, der immer noch über mir hing, kam sie mir vor wie der perfekte Mensch, Minnie, unfassbare Minnie, sei mein, ihre Hände fuhren durch mein Haar und über mein Gesicht wie sich windende Maden, ich hatte immer noch nicht verstanden, woher ihr Sinneswandel rührte, doch meinem Körper war das ziemlich egal, die Hingabe und Sehnsucht, die ihn erfüllte, spülte sogar die Erinnerung an meinen furchtbaren Traum für einen Moment hinweg, alles, was ich wollte war sie, ich wusste nicht mehr, wie ich ohne ihre Berührung hatte leben können.
Ich wollte nur noch bei ihr liegen bis zum Tag, an dem wir beide vergehen und verfaulen würden, genau hier, auf dem kalten, unnachgiebigem Boden dieser verfluchten Scheune wollte ich mich ihr ewig und einen Tag hingeben, genau hier sollte man unsere verschlungenen Gerippe finden, das sei mein letzter Wunsch, und sie küsste mich ein zweites Mal, länger, heftiger, und nun war ich endgültig soweit, meine unsterbliche Seele für ein paar Minuten ihrer Zeit einzutauschen, ich spürte ihren Körper, der sich an mich schmiegte und mir vergingen die Sinne vor Lust.
Eine meiner Hände löste sich vom Boden, ohne dass ich sie dazu angewiesen hätte, sie packte Minnie ungelenk um die Hüfte, strich über die makellose Kontur ihres Rückens und krallte sich in ihr perfektes, seidenes Haar, meine Güte, mein Schädel, dieser Schmerz ist doch nicht normal, meine Finger spielten über ihr Gesicht, ertasteten ihre Konturen, es gelang mir nicht, mich genau an sie zu erinnern, ich öffnete die Augen und für den Hauch eines Momentes dachte ich, ich sei wieder in meinem grauenhaftem Alb von vorhin gefangen, doch mein träger, schmerzender Verstand teilte mir mit, dass ich immer noch auf dem Boden der Scheune lag, ich spürte das Blut in meinen Adern pulsieren, Gott, tat das weh, ich wünschte, ich könnte aufhören zu atmen.
Mit einem Mal und ohne, dass ich mich erinnern könnte, wie es soweit hatte kommen können, waren wir nackt und ich über ihr, die Anstrengung, mich auf den Armen zu halten, peitschte meinen Körper auf und ließ es mir nur noch schwerer erscheinen, bei Bewusstsein zu bleiben, meine Stirn schien platzen zu wollen, mein Blut siedete, doch mir war egal, was mit mir passieren würde, solange dieser Klumpen Fleisch meinen Befehlen nur noch ein paar Minuten gehorchte, war das alles, was ich wollte, sollte er doch zerbrechen, ich ließ meinen Blick über ihren Körper streichen und wollte vor Glück zergehen, meine Güte, sie war perfekt, engelsgleich, knochenbleich und mit einer Gestalt, deren Anblick mir die Seele selbst zertrümmern wollte, Minnie, anbetungswürdige Minnie, ich kann es nicht fassen. Ich begann langsam, mich zu bewegen, und die Welt um uns herum hielt an und wollte rückwärts laufen, mein Leben verlor an Bedeutung bis auf diesen einzigen, wunderbaren Moment in dem ich bei ihr liegen durfte, ihre Nägel krallten sich schmerzhaft in meinem Rücken und ihre Lippen waren an meinem Hals, sie wand sich und aalte sich, eine unfassbar flüssige Gestalt, sie schien zu fließen, zu vergehen, ich klammerte mich an sie, wollte sie halten, in dieser Welt, ich hatte das Gefühl, sie würde mir manches Mal entschwinden und treiben, würde untergehen in ihrem kleinen Kosmus, würde mich mit sich reißen, doch sie sollte bei mir bleiben, genau hier, bei mir. Mein Körper protestierte immer lauter, es hätte mich nicht gewundert, wenn meine porösen Knochen nachgegeben hätten und ich einfach eingeknickt wäre, doch ich erlaubte mir keine Schwäche, mein dementer Geist trieb mich stetig vorwärts, ich wollte nichts anderes als das hier.
Sie packte mich an den Schultern und warf mich herum, ich schlug schmerzhaft auf dem kalten Boden auf, und ich glaube, mich an Blut erinnern zu können, ich hatte diesen rostigen Geschmack im Mund, doch wer weiß schon, wo der hergekommen war, sie war jetzt über mir und zum ersten Mal konnte ich ihre wunderbare Gestalt in ihrer Gänze erfassen, sie war ein elfenbeinfarbenes Kunstwerk, ihr Körper schimmerte wie polierte Knochen im dämmrigen Zwielicht des vergehenden Tages und ihr Gesicht lächelte, ein merkwürdiges Lächeln, mir war für einen Moment, als könne ich in ihren Kopf sehen, durch dieses Lächeln hindurch, als könne ich ihre Gedanken erraten, doch das konnte ich nicht, sie war immer noch unnahbar und so unendlich schön und perfekt. Sie tanzte auf mir, einen immergleichen, rhytmischen Tanz der niemals enden konnte, langsam und fordernd und ich ergab mich endlich und völlig. Ich ließ zu, dass die Nachwirkungen des Weines, die ich bisher bekämpft hatte, über mich hereinbrandeten und mich gnadenlos vernichteten, die Welt verschwamm, Minnies schlangenartige Bewegungen waren nun nicht viel mehr als ein heller Fleck inmitten von dunklen Flecken, ich wünschte mir, ich könnte diese Empfindung klarer erfassen, doch das war mir nicht vergönnt, die Schmerzen meines Körpers verschwommen zu einem dumpfen Pochen und ich wünschte mir, ich wäre tot.
Weiter und weiter trieb sie mich, ich flog immer höher, und mit meiner Lust stieg gleichsam die Angst, die ich empfand. Dumpf und unwirklich reichte ihr Stöhnen in meinen Verstand, mehr ein zufriedenes Seufzen, und sie beschleunigte ihren Rhytmus. Wieder stießen ihre krallenartigen Fingernägel zu, und ich meine, geblutet zu haben, doch es war mir gleichgültig, ein so geringer Schmerz konnte den in meinem Schädel nicht übertünchen, ich streckte mich ihr entgegen, ich wollte mehr, ich wollt mich ihr voll und ganz ergeben und meine Welt zerschlagen, um in meiner Lust aufzublühen, meine Hände waren unhaltbar und rastlos, ich berührte sie überall, strich über ihre makellose Haut, berührte, fasste sie, ich wollte ihr so nah sein wie ich nur irgendwie kann.
Mein Körper verkrampfte sich, jeder Muskel war bis zum Zerreißen gespannt, ich war nichts als ein Nervenbündel, ich wollte sie von mir herunterreißen, ich wollte sie schlagen, damit sie endlich aufhört, mir solche Schmerzen zu bereiten, doch es mit ihr hier auf dem unnachgiebigen Boden der Scheune zu treiben, war einfach mehr, als ich fassen konnte.
Meine Lust konzentrierte sich allmählich, und mit ihr auch die Qualen, die ich erlitt, mein Schädel wummerte in ihrem askendierendem Takt und mit jedem Mal, mit dem sie zustieß, wurde mir schwärzer vor Augen. Ich öffnete den Mund, und heraus rang sich ein Laut, der halb Stöhnen, halb Schmerzensschrei war und mir in unserer schwitzenden, schwer atemenden Umgebung unwirklich und idiotisch vorkam.
Ich spürte, wie mich die Unwirklichkeit und Morbidität unserer Aktes übermannte, und vielleicht war es diese Tatsache, die den Ausschlag gab, jedenfalls bäumte ich mich unter ihr auf, reckte mich ihr mit aller Kraft entgegen, ließ zu, dass mein Körper in einer Konzentration weißester Pein zersprang und hauchte mit einem letzten, unmenschlichen Stöhnen mein unbedeutendes Leben aus, ließ meinen Geist taumeln und fallen, endlos dem Nichts entgegen. Als die Kraft aus meinen Muskeln wich und mein Körper sich entspannte, fiel ich in gnädige und tiefe Ohnmacht.