Neu hier?

Regentropfen

Zitat aus dem Text:Das Wasser spritzt hoch, durchnässt meinen Hosensaum und hebt meine Stimmung noch mehr. Jung müsste man noch mal sein.
Die Straße liegt verschlafen vor mir, als ich mir den Weg durch die Nacht bahne. Irgendwo in der Ferne schlägt eine Turmglocke, und gutgelaunt zähle ich die bronzenen Töne, die in die Dunkelheit schweben. Halb vier. Ich lächle in mich hinein. Schon beinahe eine Stunde her.
Es hat gerade geregnet, und ich lenke meine Füße die feuchten Pflastersteine hinab. Kaum etwas beflügelt meine Laune dermaßen wie ein Spaziergang nach einem ausgiebigem Regenguss. Abrupt bleibe ich stehen, breite die Arme aus und atme ein, so tief ich kann. Herrlich. Der simple Geruch der Luft, durch den Regen reingewaschen, lässt mein Herz schneller schlagen, als wäre ich ein kleines Kind.
Ich beginne, ein Lied zu pfeifen. I’m singing in the rain. Stimmt zwar nicht ganz, passt aber dennoch gut zu meiner Laune. Eigentlich fehlt mir noch ein schicker schwarzer Anzug und ein Regenschirm, den ich durch die Luft wirbeln kann. Dann würde ich laternenschwingend durch die Stadt tanzen und mich fühlen wie Gene Kelly. Frohgemut laufe ich ein paar Schritte, springe in die Luft und lande nach einer halben Drehung um mich selbst mit beiden Füßen in einer Pfütze. Das Wasser spritzt hoch, durchnässt meinen Hosensaum und hebt meine Stimmung noch mehr. Jung müsste man noch mal sein.
Aus einem Impuls heraus beginne ich zu tanzen, wirbele mich um die eigene Achse, schlage mit erdachten Lackschuhen einen schnellen Rhythmus auf die Pflastersteine und schmeiße einen imaginären Zylinder in die Luft. Ich kann mich nicht erinnern, jemals solch eine Freude in meinem Herz gespürt zu haben. Weiter tragen mich meine geflügelten Schritte, weiter in die Nacht.
Die Stadt ist längst tot. Während meines ganzes Weges ist mir weder ein Fußgänger noch ein Auto entgegengekommen. Die Strassen gehören ganz mir! Ich nutze die Schweigsamkeit, laufe auf der Strasse, schreie plötzlich aus vollem Hals und höre dem Hall meiner eigenen Stimme zu. Jetzt, wo es so offensichtlich ist, wird mir klar: ich hätte es schon vorher tun sollen. Egal, besser jetzt als nie.
Ich mache einen Handstand auf den regenfeuchten Steinen, verliere das Gleichgewicht und kippe kichernd nach vorne über. Ohne mir die Mühe zu machen, mir die Hände abzuwischen, schlage ich ein Rad, und noch eins, und noch eins. Nie hätte ich gedacht, dass man so glücklich sein kann. Alles ist so einfach gewesen!
Aus heiterem Himmel beginnt es erneut zu regnen. Ich quieke vor Freude und Glück, breite beide Arme aus und heiße jeden Tropfen einzeln willkommen. Würde ich doch für immer in diesem Moment leben können. Meine Haare fallen mir schwer ins Gesicht, die Kleidung saugt sich voll Wasser und klebt durchscheinend an meinem Körper. Kleine Tröpfchen stieben in alle Richtungen, als ich meinen Kopf schüttele. Wundervoll. Ich kann stolz auf mich sein und sollte mich loben.
Inzwischen ist der Schauer zu einem richtigem Regenguss angewachsen und ich bin durchnässt bis auf die Haut. Doch da die Sommersonne den ganzen Tag Zeit hatte, die Erde zu erwärmen, friere ich nicht. Im Gegenteil, die Nässe ist eine willkommene Abwechslung von der warm-salzigen Wässrigkeit des Hochsommers. Ich hätte nicht gedacht, dass es so einfach wäre.
Als ich das nächste Mal tief einatme, schwebt noch ein weiterer Geruch in der Luft, den ich abgöttisch liebe. Es wird gewittern, denke ich fröhlich und lege ein paar Dutzend Meter hüpfend zurück. Dann zerreißt ein Blitz die schwarze Nacht, genau da, wo ich gerade hinschaue. Genau in der Mitte. Wie unser Foto.
Ich beginne stumm zu zählen, einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig, vierundzwanzig…
Stockend bleibe ich stehen, als ein Grollen den Gesang des Regens übertönt. Eineinhalb Kilometer entfernt, denke ich und freue mich über die Entfesslung der Naturgewalt, die mir so nah ist.
Ich wäre gerne ein Regentropfen. Dann würde ich mir andere Regentropfen suchen und eine Wolke sein, schwerelos über die Erde schweben, bis ich einen Platz finde, der mir gefällt, einen Platz, an dem ich meine eigentliche Existenz beginnen kann. Ich würde beginnen zu fallen, im Bewusstsein, bald zu sterben, doch in dieser Zeit ist jeder Regentropfen schnell, wild und frei. Genau wie ich es jetzt bin.
Freiheit. Ein schönes Wort. Ich fühle mich, als würden mir Flügel wachsen, als ich durch die Strasse gehe, renne, tanze. Irgendetwas kitzelt mich an der Nase und ich verdrehe die Augen, um einen Tropfen zu beobachten, der dort baumelt. Wie ihre Tränen, erinnere ich mich schmunzelnd.
Mein Blick fällt auf mein Hemd, wie es einem nassen Sack gleich an mir herunterhängt. Die Flecken kriege ich wohl nie raus, denke ich, reiße mir den Stoff vom Körper und entsorge es kurzentschlossen im nächsten Mülleimer. Wunderbar! Genau das, was ich gebraucht habe. Der Regen trommelt mir auf den nun nackten Oberkörper und verstärkt mein ohnehin schon intensives Gefühl von Freiheit noch.
Die nächste Strasse, in die ich einbiege, verläuft in einem ziemlich starkem Gefälle, und begeistert springe ich sie herab, bis mein Blick auf die Straßenmitte trifft. Der Regen hat sich dort zu einem kleinen Bach gesammelt und plätschert gleichmäßig den Berg hinab. Verträumt schaue ich dem Wasser beim Fließen zu. Genau so hat sie ausgesehen, denke ich bei mir. Genau so hat es ausgesehen, als ihr Blut floss.
Nur langsam gelingt es mir, meinen Blick von diesem Schauspiel loszueisen. Das habe ich gut gemacht. Ich kann echt zufrieden sein.
Und ich gehe weiter die Strasse hinab.

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