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Veilchen sind blau, Rosen sind rot

opa.jpg„Koffer nach 24 Jahren wieder aufgetaucht“, war die Schlagzeile. Seite eins, rote Schrift, meterhoch, fett gedruckt.
Er senkte die Zeitung und starrte leer aus seinem Fenster.
Unmöglich, war sein erster Gedanke.
Du bist tot, der zweite.
Irgendein Teil in seinem Hirn beschloss, das Offensichtliche schlicht zu ignorieren, einfach abzuschotten und weiterzuleben wie bisher. Also erhoben sich seine müden Beine und trugen ihn die Küche, taps taps taps, um Tee zu kochen. Earl Grey, wenig Milch, wenig Zucker, wie üblich.
Veilchen sind blau, / Rosen sind rot, /
Schwarz ist die Leere, / Gedanken sind tot.

Vorsichtig, um sich nicht die Lippen zu verbrennen, nippte er an dem fast noch kochenden Tee und ging langsam wieder zurück ins Wohnzimmer.
„Koffer nach 24 Jahren wieder aufgetaucht.“
Sechs Worte, die sein Leben aus der Routine rissen, die er sich mühsam wieder aufgebaut hatte. Er hatte längst nicht mehr damit gerechnet. Hatte nicht mehr damit gerechnet, das irgendjemand die Schnappverschlüsse öffnete und auf seine Seele blicken konnte.
Er brauchte den Artikel überhaupt nicht zu lesen, er wusste, was darin stehen würde. Wusste, das er bald unangenehmen Besuch bekommen würde.
Sein Blick viel auf seinen Arm. Das fleckige Hemd war hochgerutscht und entblößte seine Tätowierung. Tränen brannten heiß in seinen Augen, während er dagegen ankämpfte, auf dieses verfluchte Zeichen einzuschlagen, sich mit den Fingernägeln das Fleisch von den Knochen zu kratzen, bis er dieses Symbol nie wieder sehen musste. Weg damit! Weg!
Beim nächsten Schluck von seinem Tee horchte er vorsichtig in sich hinein, halb mit Angst erfüllt darüber, was er dort finden möge. Selbsthass? Hass auf sie? Hass auf die Journalisten? Auf das Schicksal? Auf Gott?
Nein.
Nichts.
Nur Leere.
Nicht einmal Angst, nicht das kleinste bisschen Furcht versteckte sich in den endlosen Winkeln seiner Seele.
Rot ist das Blut / und blau ist das Meer /
Doch diese Schlange / beisst lange nicht mehr.

Ja, genau. Das war sein Name gewesen. Die Schlange. Sie alle hatten Tiernamen gehabt. Gesichter blitzten vor seinem geistigen Auge auf. Der Wolf. Der Adler. Ja, sogar die Ratte. Und er war die Schlange. Würde immer die Schlange sein, bis er stirbt.
Stirbt, einsam und verlassen in einer kargen, grauen Zelle, die nach Urin stinkt. Stirbt ohne Haare und stirbt mit runzliger Haut, stirbt, abgemagert, ein Phantom, ein Schatten. Der Tod! Tod!
Er spielte mit dem Gedanken, wegzulaufen. Bloß weg. Frankreich, Italien, Russland, Amerika, Australien, Jamaika, vielleicht gar die Arktis. Nur weg. Abtauchen. Untertauchen.
Fliegen, solange seine krebszerfressenen Lungenflügel ihn tragen.
In letzter Zeit rang er mit dem Gedanken, dass der Krebs Gottes Strafe dafür war, was er getan hatte, rang mit sich selbst, wollte es nicht eingestehen.
Aber er war doch umgekehrt! Er hatte doch bereut! Er hatte seine Seele reingewaschen von Zweifeln und Schuld. Zumindest hatte er das damals geglaubt, damals, als der verfluchten Koffer in den zitternden Händen gehalten hatte, sämtliche Professionalität wie weggeblasen, aufgelöst in Tränen und Skrupel.
Hast du nicht, hast du nicht, hab ich doch, hast du nicht.
Schwarz ist die Asche, / und Rot ist der Wein, /
Du bist Schuld daran, / gesteh es dir ein.

„Koffer nach 24 Jahren wieder aufgetaucht, aufgetaucht, AUFGETAUCHT“, brüllte die Zeitung. Brüllte es nicht nur, schrieb es, schrieb es mit Säure in sein Hirn.
Vierundzwanzig Jahre, vierundzwanzig qualvoll lange Jahre. Siebenundfünfzig minus vierundzwanzig ergibt dreiunddreißig, Frau Lehrerin.
Dreiunddreißig war er und hatte sein Leben schon verwirkt.
Es hatte sich so richtig angefühlt, Herr im Himmel und Maria, heilige Mutter Gottes, es hatte sich so richtig angefühlt, so gut, so kalt und vollkommen wie Marmor.
Sie waren nicht Kollegen, sie waren Freunde, alle miteinander und untereinander. Er hatte seinen schwarzen Anzug gemocht, ihn immer sauber und adrett gehalten. Und das blaue Hemd. Es war immer blau, sie alle trugen blaue Hemden, immer nur blaue Hemden.
Sie alle waren tätowiert gewesen, Bilder, blutig gestochen in nackte Haut, bis zu der Stelle, die der Hemdsärmel nicht mehr verdeckte. Wie die Yakuza. Wie die verdammten Yakuza.
Und dann dieser Auftrag, verhängnisvoll und drohend wie das Schwert des Damokles.
Er trank einen weiteren Schluck und verbrühte sich wieder fast die rissigen Lippen.
Es war sein Spezialgebiet gewesen, es war das, worin er gut war, wofür er respektiert wurde. Er ließ Leichen verschwinden, das war sein Gebiet, er war die Schlange.
Wie auch diese Leiche. Der einzige Sohn eines reichen Konzernführers war er gewesen, das war er. Die Bande hatte ihn umgebracht, als sein Vater nicht gezahlt hatte. Mit einem Schuss ins Herz. Das war immer ihr Markenzeichen gewesen. Immer ins Herz, nie in den Kopf.
Das Flehen in den Augen des Jungen war nicht einmal bis in seine Seele vorgedrungen.
Danach sollte er die Leiche verschwinden lassen, und den Kopf seinem Vater zurückbringen.
So einfach, so einfach, so eineineinfach. Und er hatte es nicht geschafft.
Versager. Versager! Versager!
Er hatte den Kopf abgetrennt, Knochensäge, Knochensäge, die Zähne gezogen, die Netzhaut verätzt, vorsichtig, damit die Gesichtszüge erhalten blieben, denn Daddy sollte seinen kleinen wieder erkennen können, das sollte er.
Der Körper war schnell verschwunden, die übliche Methode, Routine, literweise Säure und fertig und ab in den Wald. Er sollte nichts weiter, als den Kopf in den Koffer packen und ihn dann an der Haustür hinterlassen. Nicht mehr als das. Nicht mehr.
Sein faltiges, tief gezeichnetes Gesicht spiegelte sich im nächsten Schluck Earl Grey, und es tat ihm weh, sich selbst zu sehen. Wie immer, wie üblich.
Er hatte da gestanden, den Finger auf der Klingel, den Koffer in der Hand und sah aus wie ein Vertreter. Und dann kamen die Zweifel, plötzlich und gleißend brennend wie ein Blitz.
Instant-Reue, nur heißes Wasser drauf und fertig.
Er hatte da gestanden, den Finger auf der Klingel, den Koffer in der Hand und weinte, heiß, kochend heiß, wie sein Tee, wie der Schmerz.
Und er hatte es nicht geschafft. Er war davongelaufen, desertiert vor seinen Freunden, entflohen vor sich selbst und seiner Vergangenheit. War in sein Auto gestiegen und war gefahren, tage-, nächte-, tagelang. Und hatte den Koffer erst in einen See geworfen, als er zwei Grenzen überquert hatte.
Haben Sie was zu verzollen, nein, habe ich nicht, danke, schönen Tag noch. Gespräche mit Schweiß auf der Stirn, kalt wie die Angst.
Und jetzt war der Koffer wieder aufgetaucht, aufgetaucht aus dem See, aufgetaucht aus seiner Vergangenheit, nach eins-zwei-drei-vierundzwanzig Jahren und er war hinter ihm her, der Koffer, war hinter ihm her und holte ihn ein.
Jemand hatte ihn gesehen, würde in der Zeitung stehen. Jemand hatte den Koffer gesehen und durch den Koffer gesehen und den Kopf gesehen und das Flehen in den Augen des Jungen gesehen. Das würde die Zeitung schreiben, mit Säure in sein Hirn.
Er beschloss, sie nicht zu lesen, er ließ sie einfach da auf dem kleinen, kleinen Wohnzimmertisch liegen, wie Babylons Menetekel an der Wand.
Der Koffer war wieder aufgetaucht und hatte ihn eingeholt. Kein Zurück, kein Wiedergutmachen, genau wie die Tätowierung, die ihn aus seiner losen Haut heraus angrinsten.
Schwarz ist die Seele / und rot noch dazu /
Sie werden dich kriegen, / und bald stirbst auch du.

Es klopfte an der Tür und er trank seinen Tee aus.

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