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Wie man dreidimensionale Charaktere durch Recycling erschafft

Warum nicht einfach mal die Eigenschaften deiner Freunde vermischen?
Illustration: Guido Göbbels

Zweidimensionale Charakter sind der Tod jeder guten Geschichte. Wenn der Leser bei jeder neuen Enthüllung des Charakters das Gefühl hat, so etwas ähnliches schon erwartet zu haben, wird er das Buch bald gähnend zur Seite legen und seine Zeit mit etwas sinnvollerem verbringen. Es ist demnach wichtig, Charaktere mit Eigenschaften auszustatten, die den Leser überraschen. Das mag uns zwar gelingen, wenn wir über den Protagonisten der Geschichte schreiben, denn der ist uns bekannt wie unser eigener Sohn. Wir wissen, wie er denkt, fühlt und agiert, wir haben keine sonderlichen Schwierigkeiten, ihn in einen dreidimensionale Charaktere zu verwandeln.

Ganz anders sieht das bei Charakteren aus, die nur am Rande unserer Geschichte auftauchen: In unserem Bild der Geschichte haben sie nur einen begrenzten Nutzen, sie dienen dem Zweck, die Story voranzutreiben, dem Protagonisten wichtige Informationen zuzutragen oder etwas ähnlichem. Wir sind leicht versucht, einen flüchtigen, zweidimensionalen Charakter aufs Papier zu bringen, damit wir die Geschichte schnell weiter entwickeln können.

Doch ein guter Autor stattet auch seine Nebencharaktere mit dreidimensionalen Zügen aus. Zugegeben, sie müssen nicht so sehr bis ins Detail entwickelt sein wie der Protagonist, doch warum sollten sie nicht auch für ein paar Überraschungen gut sein?

Wie also mache ich dreidimensionale Charaktere?

Eine Methode, die ich dazu gerne anwende, ist folgende: Ich sehe mich in meinem Freundes- und Bekanntenkreis um und schaue, ob ich ein paar von ihnen recyclen kann. Ich stelle vor:

Das Freundesrecycling

Nehmen wir an, ich hätte zwei Freunde, Klaus und Peter.

Klaus ist körperlich hoch gewachsen, er überragt mich mit seinen gut zwei Metern um knapp einen Kopf und bringt dabei drei Zentner auf die Wage. Klaus ist ein umgänglicher, extrovertierter Mensch und nicht unbedingt der allerhellste. Er lacht gerne laut und ansteckend über seine eigenen, derben Witze. Klaus ist groß, dick und laut.

Peter misst gerade einmal einen Meter sechzig, er ist von der Statur eher als schmächtig zu bezeichnen und auch er lacht gerne, sein Humor ist allerdings sehr hintergründig und dezent. Er ist zwar gerne unter Leuten, doch im Gegensatz zu Klaus überhaupt nicht darauf bedacht, sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen. Er ist intelligent und verbringt seine Freizeit gerne damit, zu zeichnen, hauptsächlich dezente, symbolische Bilder, die seine Gefühlswelt wiederspiegeln. Peter ist klein, dünn und leise.

Sind Klaus und Peter dreidimensionale Charaktere? Nein, sind sie nicht. Wenn wir Klaus als laut und etwas dümmlich kennen lernen, wird sein Hang zu Witzen unter der Gürtellinie uns nicht weiter überraschen, denn wir kennen solche Leute aus unserem eigenen Freundeskreis. Für Peter gilt das selbe.

Also schmeißen wir die beiden in den Mixer und kreieren daraus einen neuen Charakter. Wie könnten wir das tun?

  • Wir könnten Klaus lassen wie er ist, ihm aber Peters Liebe zum Zeichnen andichten. Würden die Leser von Klaus erwarten, dass er abends alleine zu Hause sitzt und seine Emotionen in Bilder fasst? Nein, würde er nicht, und der Punkt ist folgender: Klaus selbst würde das niemandem gegenüber eingestehen. Daraus entsteht Spannung.
  • Andererseits könnten wir Peters körperliche Erscheinung nehmen und ihn mit Klaus’ Humor ausstatten: Eine kleine, schmächtig wirkende Erscheinung, eher zurückhaltend und scheu, würde niemand mit dem Humor eines Pferdehändlers assoziieren.

Zu diesem Beitrag muss gesagt werden, dass die beiden tatsächlich existieren, sie heißen nur anders.

Natürlich kann man nicht nur das physikalische Aussehen und den Humor von Bekannten recyclen, es bieten sich noch viele andere Attribute an, wie beispielsweise:

  • Religion
  • Beruf
  • psychiche Ticks wie stetiges Augenzwinkern
  • sexuelle Präferenzen
  • Ethik und Moral
  • Einstellung zu Gewalt
  • triviale Vorlieben wie Lieblingsfilme, Musikgeschmack oder dergleichen

Probiert diese Methode einmal aus, und schon bald wird eure Geschichte vor Charakteren wimmeln, die gar nicht mehr so zweidimensional sind.

Siehe auch

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    5 Kommentare bisher »

    1. Tokbela sagt

      am 17. Juni 2007 @ 12:54

      Ich halte das für einen guten Tipp. Expect the Unexpected.
      Im wirklichen Leben funktioniert das auch. “Ich kann übrigens $exotisches_was_nicht_in_die_Schublade_passt” ruft Erstaunen und Interesse hervor.

      PS: Peter kenne ich und zu Klaus habe ich auch schon eine Vermutung. Man, hast du zweidimensionale Freunde (;

    2. Jörn sagt

      am 17. Juni 2007 @ 20:45

      Das liegt wahrscheinlich schlicht und ergreifend daran, dass Menschen dazu neigen, andere Menschen in Schubladen zu stecken. Da aber keiner von uns ein Abziehbildchen ist, hat jeder seine unerwarteten Seiten und Facetten. So kann man noch an Menschen, die man jahrelang gekannt hat, noch neues und erstaunliches entdecken.

    3. Klaus sagt

      am 19. Juni 2007 @ 11:19

      Ich bin nicht dick!

    4. Jörn sagt

      am 19. Juni 2007 @ 12:17

      Dabei habe ich dem Typen extra einen fiktiven Namen gegeben! Tut mir sehr leid! ;)
      Könntest du dich denn damit arrangieren, wenn ich behaupte, einen anderen Klaus als dich zu kennen?

    5. Schriftsteller-werden » Blog Archiv » Gott spielen, 15 einfache Schritte zum lebendigen Charakter [1] sagt

      am 11. Dezember 2007 @ 06:41

      […] einem seiner Beiträge nennt Jörn das: “seine Freunde in den Mixer werfen“. Das heißt gerade die Eigenschaften […]

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